Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Austausch zu medizinischen Aspekten von Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und mikroskopischen Kolitiden.
Tigerlily
beginnt sich einzuleben
Beiträge: 5
Registriert: So 22. Mär 2020, 16:28

Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Tigerlily »

Hallo zusammen,

wie so viele andere auch befinde ich mich aufgrund der aktuellen Situation im Gedankenkarussell und weiß nicht mehr weiter.

Zu mir: ich bekam Mitte 2018 die Diagnose Colitis Ulcerosa. Nach einem erneuten Schub bin ich seit August 2018 beschwerdefrei mit der Dosierung 125mg Azathioprin und 3mg Salofalk Granulat.

Ich begann im Oktober 2018 meine erste Arbeitsstelle. Da ich große Angst hatte, habe ich beim Vertragsabschluss sowie bei der Betriebsärztlichen Untersuchung meine Vorerkrankung und Medikation verschwiegen.

Seitdem sind meine Blutwerte sind in Ordnung (Leukozyten waren zuletzt 3,8). Die Darmspiegelung im Juli 2019 war ohne Auffälligkeiten.

Nun zu der aktuellen Situation.
Da ich im Krankenhaus im technischen Dienst arbeite kann ich nicht ins Home Office. Ich habe aber große Angst die Arbeit zu verlieren wenn ich nun angebe Risikopatient zu sein, in der Hoffnung auf Krankschreibung oder Freistellung.
Ich weiß das ist nicht vergleichbar mit dem Risiko schwer an Corona zu erkranken, allerdings weiß ich einfach nicht was ich tun soll. Dadurch dass ich keinen Patientenkontakt habe und ich nur einen direkten Kollegen habe, sagte mein Gastro ich könne arbeiten gehen. Zudem haben wir letzte Woche besprochen, das Azathioprin auszuschleichen. Ich nehme nun für 4 Wochen 100mg und danach 75mg für 4 Wochen. Danach werden wir das Weitere besprechen.

Nun zu meinen Fragen: es gibt sicherlich einige unter euch die sich in einer ähnlich bescheidenen Situation befinden in Bezug auf Krankschreiben/Freistellen. Wie habt ihr es gelöst? Oder ist es ähnlich und ich fühlt euch bei der Arbeit sicher (sofern man das heutzutage so sagen kann)?

Des Weiteren: wie schnell erholt sich mein Immunsystem von der Azathioprin Einnahme (ich wiege 64kg)? Sind 100mg im Vergleich zu meinem Körpergewicht vielleicht schon so wenig, dass mein Immunsystem sowieso nicht allzu stark herunterreguliert wurde?

Ich mache mir große Sorgen wegen des Virus, aber ich kann es mir vor allem als Berufsanfänger eigentlich nicht leisten meine Stelle zu verlieren/mich langfristig freistellen zu lassen.

Sehr gerne nehme ich eure Ratschläge zu Herzen.

Viele Grüße und vielen Dank.

Sonnenschein22
neu hier
Beiträge: 3
Registriert: Mo 24. Sep 2018, 13:04

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Sonnenschein22 »

Hallo Tigerlily,

interessanterweise bin in der fast gleichen Situation wie du :-D:
Immunsupprimiert, seit 2019 im Krankenhaus, technischer Dienst, im Büro. Dennoch ab und an im Haus unterwegs. Aktuell kein Home Office. Mein AG wusste bislang nichts über meinen Darm.

Zu meinem Vorgehen auf der Arbeit kann ich dir etwas schreiben:
Ich habe bereits mit meiner Betriebsärztin telefoniert, das rate ich dir auch! Sie riet mir zu immer ausreichend Abstand (2m) und absolut gründlicher Händedesinfektion. Ich habe außerdem (nach langem Überlegen) meinem direkten Chef grob von meiner Krankheit erzählt. Aber ihm dabei nichts Genaues über meinen Krankheitsverlauf o.ä. erzählt, das geht niemanden etwas an. Dennoch ist es m.E. gerade bei der Arbeit im Krankenhaus in der aktuellen Situation wichtig mit "offenen" Karten zu spielen. Man muss ja nicht exakt darlegen, was man für Problemchen im Alltag hat, einfach nur die Tatsache, dass man auf Grund einer Darmerkrankung+Medikamenten als Risikopatient gilt.
Habe für mich abgewogen: längere Zeit krank schreiben lassen (klappt das? wie lange besteht die Corona-Problematik? Bis zum Jahresende?) oder von meinem Darm erzählen. Letzteres erschien mir da noch am verständlichsten für meinen AG.
Ich bin mit ihm so verblieben, dass ich solange noch alles ruhig ist weiterhin normal mit den oben genannten Vorsichtsmaßnahmen arbeite. Sobald es mir zu brenzlig wird, kann ich in meinem Büro bleiben. Sollte ich auch dort Bedenken haben, werde ich mit ihm nochmal über einen HomeOffice-Arbeitsplatz sprechen. Ich würde in so einer Situation dann auch definitiv nicht davor scheuen mich vorerst krank schreiben zu lassen. Sicherlich habe ich mir in den letzten Tagen auch viele Gedanken gemacht und hatte viele Sorgen. Ich versuche aber mich immer wieder zu entspannen. :-)

Vielleicht hilft dir dies etwas. Letztendlich muss man natürlich immer für sich persönlich abwägen, was man in Kauf nimmt (Befristeter/Unbefristeter Arbeitsvertrag, allgemeine Unternehmenseinstellung zu Krankheiten/....).

Zu dem dem Aza-Ausschleichen kann ich dir leider nichts sagen.

Unity
ist öfter hier
Beiträge: 26
Registriert: Mo 29. Jan 2018, 22:18

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Unity »

Hallo Tigerlily,

ich habe das Glück im Home Office zu arbeiten, Deine Angst, vor dem Arbeitgeber als Problem zu gelten, kann ich aber sehr gut nachvollziehen. Ebenfalls Deine Angst, auf der Arbeit nicht sicher zu sein (Wir hatten im Februar, als es bei uns noch kein Home Office gab, Gäste aus Asien im Unternehmen, mit denen ich in Meetings saß. Einer musste zu allem Überfluss am nächsten Tag sogar zum Arzt (war aber dann nur eine Magenverstimmung).

Welches Verhältnis hast Du zu Deinem direkten Vorgesetzten? Und: weißt Du, ob es bei euch Richtlinien gibt, dass Vorgesetzte die Personalabteilung über Mitarbeiter mit Krankheiten auf jeden Fall (aus Gründen der Sorgfaltspflicht) informieren sollen?

Ich hatte meine CED meinem Arbeitgeber fünf Jahre lang verschwiegen und dieser Stress hatte mich psychisch sehr angegriffen, weil ich Angst vor der Reaktion hatte. Als ich dann letztes Jahr Remicade bekam, konnte ich es nicht mehr geheim halten. Ich hatte Glück, dass mein direkter Vorgesetzter das zur Kenntniss genommen hat, dann aber niemanden weiter informiert hat. Es ist für ihn in Ordnung, aber ich habe in sechs Jahren CED und auch nur zwei Arbeitstage deswegen gefehlt. Das heißt, der Arbeitgeber konnte daran sehen, dass es auch mit CED geht, Leistung zu bringen. Am Ende ist es auch für Arbeitgeber nicht immer leicht, Stellen einfach so neu zu besetzten. Vor allem, weil ja auch in der aktuellen Sitution (vermutlich) jede helfende Hand in medizinsichen Einrichtungen gebraucht wird. Das wäre ein Argument dafür, sofern dein direkter Vorgesetzter kein Arsch ist, dass Du es offenlegst, anstatt weiter mit der Angst zu leben.

Wenn Du glaubst, dass Deine Situation auf weniger Verständnis stößt, wäre es natürlich schwerer. Hast Du einen befristeten oder unbefristeten Vertrag?

Tigerlily
beginnt sich einzuleben
Beiträge: 5
Registriert: So 22. Mär 2020, 16:28

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Tigerlily »

Hallo ihr beiden,

erst Mal vielen Dank für eure Antworten. Es tut doch einfach gut, sich ein wenig auszutauschen.

@Sonnenschein22: Dann sind wir ja tatsächlich in einer ganz ähnlichen Situation. Freut mich, dass dein Vorgesetzter Verständnis für dich hatte und du die Möglichkeit hast, ins HomeOffice zu gehen sobald es brenzlig wird.
Darf ich dich fragen, ob du auch durch Aza immunsupprimiert bist?

Konkret gesagt arbeite ich in einer privaten Abteilung, die an ein Krankenhaus angegliedert ist. Es herrscht viel Leistungsdruck und somit befürchte ich, dass ich auf kein Verständnis treffen werde.

Kann das rechtliche Konsequenzen haben, wenn ich beim Vorgesetzten/beim Betriebsarzt nun angebe, vorerkrankt zu sein und Medikamente zu nehmen?

Tigerlily
beginnt sich einzuleben
Beiträge: 5
Registriert: So 22. Mär 2020, 16:28

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Tigerlily »

Und noch @Unity: ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag. :)

Benutzeravatar
neptun
Inventar - wird wöchentlich mit abgestaubt
Beiträge: 3635
Registriert: Do 20. Dez 2012, 19:58

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von neptun »

Hallo Tigerlily,

Aza wird nach Leitlinien bei den CED mit 2,0-2,5 mg je kg Körpergewicht dosiert. Wobei die Zielgröße der Leukozyten 4,0 beträgt.

Durch die Art der Wirkung, nämlich Unterdrückung der Produktion von B- und T-Zellen im Körper als Teil der Immunantwort, tritt eine Wirkung verzögert ein, ebenso wird aber auch beim Absetzen ein verzögerter Aufbau stattfinden.

Aus diesem Grunde bleibt über eine gewisse Zeit noch eine abnehmende Wirkung vorhanden.
Aza schleicht man normal nicht aus.

Du beschreibst nun eine Remission, die bei Dir gesichert längere Zeit vorhanden ist.
Da stellt sich ohnehin die Frage, warum Aza noch länger einnehmen, wo doch die Medikamente bei den CED nicht für lebenslange Einnahme konzipiert sind. Und wann will man sich dann dazu entscheiden?

Dazu ist die Nebenwirkungsliste nicht gerade kurz und die Sonnenempfindlichkeit sehr gesteigert.

Die cu beginnt im Rektum und hat dort ihre stärkste Ausprägung.
Du hast nun nicht geschrieben, wie ausgedehnt die Entzündung bei Diagnosestellung war, aber bei eine cu hat man ja einige gute Möglichkeiten der Behandlung.
Einmal die langfristige Einnahme von Mesalazin, welches Du nimmst. Nach Leitlinie cu aber immer auch bei Entzündung als erstes empfohlen, die rektale Behandlung mit Mesalazin zur Nacht in Form von Zäpfchen, Schaum oder Klysma, je nach Höhe der Entzündung. Diese Behandlung wäre noch zu ergänzen, zu intensivieren durch einen cortisonhaltigen Schaum am Vormittag.

Dann hätte man noch die Möglichkeit einer Stoßtherapie mit Prednisolon, welche bis zu 5 Tagen liefe mit 1mg je kg Körpergewicht und ohne Ausschleichen abrupt beendet wird. Dies kann eine aufkommende Entzündung brechen.
Sicher hast Du auch schon mal von Cortiment gehört mit dem speziellen Cortison Budesonid, welches in dieser Form topisch wirkt und für den Dickdarm konzipiert ist.

Man steht also nicht ohne Behandlungsmöglichkeiten dar, wenn das Aza abgesetzt ist und man eine Entzündung bekommt.
Wobei eine Entzündung sich selbstverständlich auch unter Aza intensivieren könnte, wenn der Körper das Bestreben danach hat. Denn nur er bestimmt, was passiert. Die Medikamente heilen schließlich nicht, sie helfen dem Körper aber, damit Entzündung nicht aus dem Ruder läuft.

Hier mal der Link zur Leitlinie cu, die das gesamte aktuelle Wissen rund um die cu enthält und Handlungsempfehlung für Ärzte ist:
http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021-009.html

LG Neptun

Tigerlily
beginnt sich einzuleben
Beiträge: 5
Registriert: So 22. Mär 2020, 16:28

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Tigerlily »

Hallo Neptun,

vielen Dank für die ausführliche Antwort.

Ich hatte bei der Diagnosestellung eine Pancolits mit steroidabhängigem Verlauf. Wobei ich mich frage, ob ich das Cortison damals nicht zu schnell ausgeschlichen habe (Ich wurde damals mehr oder weniger zwischen Tür und Angel im Krankenhaus beraten, da in meiner Stadt die wenigen Gastroenterologen keine neuen Patienten angenommen haben).

Jedenfalls habe ich in der Leitlinie keine Informationen dazu gefunden, dass Aza nicht ausgeschlichen wird. Wenn das der Fall wäre, müsste ich es ja gar nicht mehr nehmen?

Viele Grüße!

Benutzeravatar
neptun
Inventar - wird wöchentlich mit abgestaubt
Beiträge: 3635
Registriert: Do 20. Dez 2012, 19:58

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von neptun »

Hallo Tigerlilly,

das ist richtig. Aza muß man nicht ausschleichen. Es macht einfach keinen Sinn. Kann man auch als Rückschluß ziehen, daß die Dosierung sich ja nach 2,0-2,5 mg je kg Körpergewicht bemißt. Da wärest Du mit den 100mg/d und 75mg/d bereits deutlich drunter.

Wenn Du willst, Du kannst auch noch mal im Raedlerforum nachfragen. Der Prof. antwortet fast umgehend. Ich denke mir solche Sachen auch nicht aus. Man muß nur viel lesen in der Fachliteratur und eben auch in diesem Forum. Hier der Link dahin:
https://www.ced-hospital.de/service/pat ... he-themen/

Zur Einnahme und zum Ausschleichen von Cortison kannst Du mal in diesem Thread lesen. Darin meine Erfahrungen und ein Querschnitt aus den Schilderungen der Betroffenen im Forum. Dazu noch einige weitere interessante Infos.
http://forum.dccv.de/viewtopic.php?f=3&t=181

LG Neptun

FräuleinAnna
beginnt sich einzuleben
Beiträge: 8
Registriert: Mo 9. Sep 2019, 17:10

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von FräuleinAnna »

Hallo bin in ähnlicher Situation!
Ich bin inmunsuppremiert und arbeite in einer Praxis . Aktuell habe ich eine AU und habe meinen Chef nun gebeten auf Home Office umzustellen.
Noch hat er nicht geantwortet ...

Bislang hab ich noch nichts zu meiner „Sonderstellung“ gesagt, aber wenn es sich nicht ändern lässt, erzähl ich dem Chef von meiner Erkrankung- mein Arzt hat mir attestiert, dass ich zur Risikogruppe zähle und isoliert arbeiten muss.

Ob ich mich nun krankschreiben lasse für Monate oder meinen Job verliere und ALG bekomme - Finanziell ist das beides ja etwa das gleiche... und Immerhin hab ich es
So wenigstens probiert ..

Die Situation ist echt nicht einfach ...

Tigerlily
beginnt sich einzuleben
Beiträge: 5
Registriert: So 22. Mär 2020, 16:28

Re: Corona: Arbeit/Azathioprin ausschleichen

Beitrag von Tigerlily »

Hallo Fräulein Anna,

ich habe es vor lauter Sorge nicht mehr ausgehalten und angesprochen, dass ich ein Risikopatient bin. Nach lauter hin und her (wobei mein Chef mir auch deutlich machte, dass ich nicht als Risikopatient krankgeschrieben werden kann) wurde ich für eine Woche in den Urlaub geschickt. Um "meine Sorgen und Ängste zu sortieren". So viel dazu. Er ist der Meinung nächste Woche wird sich alles abgeflacht haben. Home Office ist keine Möglichkeit.

Ich hoffe bei dir gibt es die Möglichkeit auf Home Office umzustellen oder zumindest, dass du auf mehr Verständnis stößt.

Viele Grüße

Antworten