Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Schwerbehinderung, Rente, Kur etc. Austausch unter Betroffenen. Hier erfolgt keine Beratung durch den AK Sozialrecht!
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Zauseline
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Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von Zauseline »

Hallo alle zusammen,
ich schreibe hier das erste Mal und hoffe auf einen regen Austausch.....
Seit 2008 (ich war 41 Jahre alt) quält mich meine CU. Die letzten zwei Jahre ging ohne Predni gar nichts mehr. Das hat mir immerhin eine Osteopenie und einen erhöhten Augendruck eingebracht und seit Dezember 2019 habe ich ein absolutes Cortisonverbot. Somit befinde ich mich seit Dezember im Dauerschub. Eine Spiegelung Anfang November hatte einen hochentzündeten linksseitigen Dickdarm trotzt Simponi gezeigt. Damit hatte ich auf Anraten meines Gastro im Juli 2019 begonnen. Im Februar dieses Jahres wurde Simponi durch Entyvio ersetzt und nun warte ich geduldig auf Besserung. Mein Calprotectin liegt bei 1500 und seit Ende letzten Jahres schmerzen auch noch alle Gelenke. Es gibt Tage, da kann ich nicht mal ein Glas Marmelade öffnen.

Anfang November letzten Jahres hatte ich auf Anraten meiner Psychotherapeutin einen Erhöhungsantrag beim Versorgungsamt gestellt.
Meine Hausärztin (spezialisiert auf CED) hat mir die Beschwerden der CU trotz immunsuppressiver Therapie und Cortison mit mehr als 20 Stuhlgängen/Tag bescheinigt. Weiterhin eine reaktive Depression - ich bin seit 15 Monaten in psychotherapeutischer Behandlung und ein degeneratives Rückenleiden nach einer Bandscheiben OP 1998.
Meine Therapeutin hatte auch einen guten Bericht geschrieben und auch den imperativen Stuhldrang thematisiert.

Bisher hatte ich aus 2015 einen GdB von 20. Jetzt kam der Bescheid mit einem GdB von 50 (unbefristet) - das ist ja schon erfreulich.
Begründung: CU GdB 40
Depression: GdB 30

Rücken GdB 10 - ohne Auswirkung auf den Gesamt GdB

Allerdings wurde mein größtes Problem, der imperative Stuhldrang, überhaupt nicht berücksichtigt. Das Merkzeichen G wurde somit auch abgelehnt.

UND NUN MEINE FRAGE: Habt Ihr Erfahrungen damit, ob sich ein Erhöhungsantrag aufgrund dieses einen Kriteriums lohnt. Ich hatte schon überlegt, ob ich die Arthritis mit aufführen sollte, aber die wurde im Antrag im November gar nicht thematisiert, da ich erst seit Dezember darunter leide.
Nun bin ich ziemlich ratlos, was ich machen soll.

Vielen Grüße
Zauseline

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neptun
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Re: Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von neptun »

Hallo Zauseline,

willkommen im Forum.
Es gab hier zumindest wegen einer CED noch Niemanden, der einen blauen Parkausweis bekam.

Man kann aber einen orangenen Parkausweis bekommen, wenn man eine Schwerbehinderung mit einem GdB60 allein auf eine CED bescheinigt bekommt, unabhängig davon, ob er sich durch andere Erkrankungen noch erhöht.
Hier mal ein Link, wozu der orangene Parkausweis berechtigt.
Vorab, keinesfalls darf man damit auf Schwerbehindertenparkplätze mit dem blauen Schild.
https://mobilista.eu/409/orange-parkerl ... pflichten/

Einige Betroffene berichteten, der Ausweis würde ihnen helfen.
Ich würde für mich keinen Vorteil darin sehen, weil ich kaum in solch Situation kommen kann aufgrund meines Wohnortes und meines Verhaltens. Muß man also individuell entscheiden.

Ein weiterer Nachteilsausgleich bei Erhöhung des GdB kann in einem erhöhten Steuerfreibetrag liegen. Auch wäre bei Dir zu berücksichtigen aufgrund weiterer Erkrankungen, ob der Arbeitgeber darauf mit einem angepaßten Arbeitsplatz reagieren muß. Falls Du in einem Arbeitsverhältnis stehst. Dann wäre auch die Schwerbehindertenvertretung und eventuell das Integrationsamt einzuschalten.

Es gab mal ein interessantes Urteil zum Merkzeichen "G" aufgrund der aufgehobenen Wegefähigkeit vom SG Gießen. Es ist aber nicht mehr zu finden im Internet.
Die Krux dabei ist, die Versorgungsämter versteifen sich auf die Gehfähigkeit, also eine Behinderung, nach der nur noch eingeschränkt eine Wegstrecke in angemessener Zeit zurück gelegt werden kann.
Auch die meisten Urteile beschäftigen sich nur damit, haben auch die dafür gültigen Maßstäbe entwickelt und festgeschrieben. Erwähnt werden dabei aber auch die Möglichkeiten der Einschränkung bei "inneren Leiden", beispielsweise durch Herzinsuffizienz oder Lungenfunktionseinschränkung. Somit wäre auch der Darm als Argument möglich, wie Inkontinenz aufgrund von Darmkrebs mit fehlender Schließmuskelfunktion.

Bei uns geht es aber aufgrund des imperativen Stuhldranges um die plötzlich aufgehobene Wegefähigkeit, weil man sich in die Hose gemacht haben kann ohne Kontrolle. Und das kann zu jeder Zeit eintreten.
Dazu lies mal meinen Artikel zum imperativen Stuhldrang hier im Forum.
https://forum.dccv.de/viewtopic.php?f=3 ... 661#p12661

Wichtiger als die GdB-Erhöhung wäre also bei imperativem Stuhldrang und als Arbeitnehmer, ob Du damit auch in eine EM-Rente kommen könntest. Falls Du die Absicht hast und eben auch nicht mehr arbeiten kannst.

Ich bin nach 2 1/2 Jahren nach Antragstellung dann vor dem SG erfolgreich gewesen mit der vollen EM-Rente auf unbestimmte Zeit.

Hier nur mal als Stichwort in dieser Sache, es geht um die sogenannten Katalogfälle der Großen Senates des BSG von 1996. Hier Kopien aus Urteilen:

"Unabhängig davon ist gesondert und vorab (vgl auch Senatsurteil vom 25. März 1998 - B 5 RJ 46/97 R - SGb 1998, 406, Volltext in JURIS) zu prüfen, ob der Arbeitsmarkt generell verschlossen ist und sich aus diesem Grunde eine Prüfung im Einzelfall erübrigt. Diese Konstellation erfassen die so genannten Katalogfälle, die im Beschluss des Großen Senats vom 19. Dezember 1996 aufgelistet sind (vgl GS 2/95 - BSGE 80, 24, 35 = SozR 3-2600 § 44 Nr 8)."

"Der Arbeitsmarkt ist nur bei Vorliegen der sogenannten "Katalogfälle" als verschlossen anzusehen. Ein solcher liegt vor, wenn 1. der Versicherte zwar an sich noch eine Vollzeittätigkeit ausüben kann, aber nicht unter den in den Betrieben üblichen Bedingungen (Katalogfall Nr. 1), 2. der Versicherte zwar an sich noch eine Vollzeittätigkeit ausüben kann, entsprechende Arbeitsplätze aber aus gesundheitlichen Gründen nicht aufsuchen kann (Katalogfall Nr. 2), …!

LG Neptun
PS: Sozialgericht Gießen, Merkzeichen "G"
Az.: S-16/SB 1200/99
Tatbestand
...
"Hier liege die spezifische Problematik gerade in der Unkontrollierbarkeit und Plötzlichkeit des Auftretens der Inkontinenz, wodurch die Fortbewegungsmöglichkeit von einem Moment zum anderen auf Null reduziert werde."

Entscheidungsgründe
...
"Die angegriffenen Bescheide des Beklagten sind abzuändern, denn sie sind rechtswidrig und verletzen den Kläger in seinen Rechten. Dieser hat Anspruch auf Zuerkennung des Merkzeichens „G“, weil er infolge seiner analen lnkontinenz in seiner Gehfähigkeit erheblich eingeschränkt ist."

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neptun
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Re: Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von neptun »

Hallo Zauseline,

was ist denn nun mit dem regen Austausch?
War der Beitrag interessant, wissenswert?
Hast Du schon einen Gedanken zur EM-Rente gehabt?
Hast Du auch mal Kontakt mit einem Anwalt gehabt Richtung Merkzeichen "G"?

Ansonsten wäre vielleicht ein kleiner Dank angemessen, oder?
Leider kommen viele Betroffene nur zur Abholung einer Info vorbei und das wars. Wie im Selbstbedienungsladen.
Dabei sind wir hier im Forum einer Selbsthilfevereinigung.

LG Neptun

Zauseline
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Re: Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von Zauseline »

Hallo Neptun,

ich bin jetzt ein wenig irritiert.....
Ich hatte gleich am nächsten Vormittag eine lange Antwort geschrieben und auch abgeschickt....... Wo ist die geblieben???

Ich hatte mich auch für Deine aufführliche und interessante Antwort bedankt. Du hast Dich ja wirklich intensiv mit diesen Themen beschäftigt. Außerdem hast Du mit dem Parkausweis natürlich recht, ich meinte auch den orangenen ;) Für mich wäre es eine echte Hilfe, da drei meiner Ärzte in der Innenstadt sind und ich stets vom Parkhaus zur Praxis gut 10 Minuten unterwegs bin. Direkt davor wäre im eingeschränkten Halteverbot immer eine Mögilchkeit.....

Deinen Bericht zum inperativen Stuhldrang kannte ich schon aus dem "Bauchredner". Er ist wirklich auf den Punkt gebracht..... Aber ich bin sicher, dass das ein "nicht Betroffener" überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Über Deine Anregung wegen der EM-Rente hab ich auch schon mal nachgedacht, denn auch meine Fahrt zur Arbeit stellt an vielen Tagen eine echte Herausforderung dar. Aber irgendwie hab ich mich da auch nicht heran getraut. Meine Augenärztin hatte das mal angesprochen, wenn mich mal wieder eine Skleritis geärgert hat. Sie meinte, dass der Stress und die Hektik im Job meinem Körper nicht gut tun. Aber ich bin immer gern arbeiten gegangen, auch wenn es jetzt schon auch sehr anstrengend ist.

Am Montag habe ich einen Termin beim Rechtsanwalt wegen meiner Erhöhung. Mal sehen, was der mir rät. Ich werde berichten.

Ein schönes Wochenende und liebe Grüße
Zauseline

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neptun
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Re: Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von neptun »

Hallo Zauseline,

dann ist alles gut. ;)
Vielleicht kann der Anwalt ja den Verbleib des Urteils vom SG Gießen aufklären. Ob es kassiert wurde oder ob es eine weitere Instanz gab. Denn die Begründung ist schon stichhaltig.

Gerichte haben mit den CED und gerade auch der Auswirkung des imperativen Stuhldranges wenig bis gar keine Erfahrung. Und selten gibt es Urteile.
Ich habe da genügend eigene Praxis sammeln dürfen mit meinen Verfahren und es zeigte und zeigt sich, ein Anerkenntnis oder ein Vergleich sind immer sehr gut für Gerichte und Versorgungsämter, wie auch für die Rentenversicherungen, denn dann braucht kein Urteil begründet zu werden und die Behörden haben den Vorteil, es ist und bleibt eine Einzelfallentscheidung. Andere können sich nicht auf ein Urteil beziehen in ihren Gerichtsverfahren. Und es landen wenige Verfahren vor dem BSG, wären also gleichgelagert immer Selbstgänger in der Entscheidung.
Da hat sich also in den letzten 20 Jahren wenig ergeben an Neuigkeiten für die CED-Betroffenen.

Und wenn ein Betroffener dann nach 4 Jahren (GdB) oder auch 2 1/2 Jahren (EM-Rente) dann endlich gewonnen hat, so meine Verfahren, dann ist man auch nur noch erleichtert und froh und bei der Rente geht es immerhin um die finanzielle Existenz und Zukunft. Dann braucht man kein Urteil. Wenige fechten das wirklich durch, denn die Behörden versuchen schon, die Kläger zu zermürben mit dosierten, immer neuen Wendungen in ihrer Argumentation. Da können Richter auch den Überblick verlieren, zumal die Sozialgerichte permanent überlastet sind.

LG Neptun

Zauseline
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Re: Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von Zauseline »

Hallo Neptun,

hier ein kurzer Bericht von Montag. Ich liege leider seit Dienstag Abend mit einem grippalen Infekt im Bett......
Also der Widerspruch wird zurück gezogen und ich bleibe beim GdB von 50. Mir erschien der Rechtsanwalt ein wenig überfordert, aber vielleicht habe ich auch zu viel erwartet. Es gibt auch vom Sozialgericht Hannover ein Urteil zu "Imperativem Stuhldrang", darauf wollte er gar nicht eingehen. Aber allein die Tatsache, dass es möglich bzw. wahrscheinlich ist, dass ich bei der Erhöhung des GdB nur eine Befristung bekomme, lässt mich die Füße still halten. Lieber den Spatz in der Hand...........

Ich werde sehen, wie es mit meiner Krankheit bzw. Genesung weiter geht. Vielleicht wirkt Entyvio ja in den nächsten Wochen.......
Sollte sich keine Besserung einstellen, werde ich die EM-Rente beantragen - dass war ein guter Tipp von Dir. Ich werde jetzt 58 Jahre alt und will mich nicht weiterhin die letzten Jahre zur Arbeit quälen müssen.

Liebe Grüße
Zauseline

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neptun
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Re: Antrag auf GdB Erhöhung von 50 auf 60 stellen?

Beitrag von neptun »

Hallo Zauseline,

es dürften fast alle Anwälte mit der Thematik überfordert sein. Hatte ich damals auch erlebt mit meiner Anwältin. Weshalb man es quasi selbst in die Hand nehmen muß.
Ich kenne das Urteil aus Hannover. Es hatte zwei Themen, die Behandlungsbedürftgkeit des mc mit Biological und Aza, aus der ein schwerer Verlauf abgeleitet wurde. Was sicher häufiger stimmt, aber heutzutage werden auch schon etliche Betroffene frühzeitig und bei leichter CED mit Biologicals behandelt. Eine Folge der aggressiven Werbung der Pharmafirmen bei Ärzten. Unterstützt durch gekaufte Patientenakten. Das brachte den Ärzten Geld und war schon vor Jahren Thema im Forum. Ebenso die Therapie "step down", wo verfochten wird, erst mal deutlich drauf hauen und dann reduzieren. Wird nach Leitlinie aber nicht empfohlen.

Zweites Thema war der imperative Stuhldrang, aber mit Einschränkung, dies würde meist in Streßsituationen auftreten: ". Der Kläger sei insbesondere infolge der häufigen Stuhlgänge mit imperativem Stuhldrang, meist in Stresssituationen, unangenehmen Situationen ausgesetzt."

Da war weder der imperative Stuhldrang selbst definiert (Zeit im Sekundenbereich zum Aufsuchen einer Toilette, Unwillkürlichkeit bei vollem Erleben) noch wurde erkannt, der imperative Stuhldrang ist Folge der CED im Rektum. Darauf kann sich dann eine zusätzliche psychische Belastung durch negative Erfahrungen mit Inkontinenz in der Öffentlichkeit, ebenso aber auch zu Hause, aufsatteln. Die Streßsituation ist also nicht ursächlich. Ein wesentlicher Aspekt.

Da mag das nächste SG der Auffassung sein, man solle sich psychisch behandeln lassen und alles wäre doch nicht so schlimm und in den Griff zu bekommen sein.

Das Thema wurde also erkannt, aber nicht wirklich behandelt.

Du kannst auf der Seite der DCCV meinen Erfahrungsbericht zur Beantragung meiner vollem EM-Rente auf unbestimmte Zeit lesen, zu finden hier:
https://www.dccv.de/fileadmin/public/be ... mrente.pdf

Es ist allerdings nicht die vollständige Geschichte. Es fehlt die zermürbende Taktik der DRV über Monate und endlich mein Gewinn vor dem SG. Wenn Du Interesse daran hast, ich kann Dir den Reest als Tagebuch über PN schicken. Melde Dich bei Bedarf.
Da steht detailliert, wie es in der Verhandlung ablief, was man sonst nicht lesen kann und was selbst der Anwalt auch nicht schildert, schildern kann, denn CED-Betroffene mit den speziellen Problemen landen selten vor Gericht, sind also nicht den Standardverhandlungen zuzurechnen. So hat man dann nach Jahren einen kurzen Termin, der finanziell existentiell ist. Nervlich noch mal eine ganz andere Nummer, als beim GdB vor Gericht zu stehen. Was auch schon sehr aufregend war.

Liebe Grüße und gute Besserung,
Neptun

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