Psyche fährt Achterbahn

Psychologischen Aspekte im Zusammenhang mit CED.

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Trüffel » Do 12. Sep 2019, 11:15

Mondkalb hat geschrieben:die Akzeptanz der Krankheit ist ein ganz wichtiger Schritt, um im Leben weiter voran zukommen.

Das sehe ich auch so.

Mondkalb hat geschrieben:In meinem Verlauf gab es auch ein Zeitfenster, in welchem ich die Kontrolle über die Krankheit verloren hatte und nicht mehr wollte, mich zurückgezogen hatte, ich war alles so leid.

Das ist so tröstlich, zu wissen, dass man nicht alleine ist und es auch andere Menschen gibt, die dunkle Momente durchmachen.
Umso schöner, wenn du schreibst, dass es auch wieder aufwärts geht. Das macht Mut! ;)

Mondkalb hat geschrieben:Sicherlich ist es anstrengend gegen den inneren Schweinehund anzukämpfen, aber es lohnt sich.
Das Leben was vor uns liegt, sollten wir annehmen und nach unseren Möglichkeiten gestalten.

Ja, das stimmt. Meine Mama sagt, dass ich schon als Kind ein richtiger "Kämpfer" war - ich habe schon so viel durchgemacht, dann werde ich auch das schaffen, aufstehen, nach vorne schauen. Ich habe ja nur das eine Leben.

Mondkalb hat geschrieben:Wie es einen wirklich geht, interessiert viele nicht, ein gut reicht halt oft. Ist auch nicht so anstrengend wie jedes Mal alles von vorne zu erklären, kostet nur unnötig Kraft wie ich finde.

Ja, die wenigsten fragen wirklich mit ehrlichem Interesse nach. Oft fühle ich mich ausgegrenzt. Mit meinen "Freunden" kann ich nicht mithalten - Hobbys, Freizeitgestaltung... alles hat sich geändert. Ich brauche viel mehr Zeit, benötige häufiger Pausen, muss mich ausruhen, einen Gang runterschalten. Das tut manchmal weh und ich ärgere mich über mich selbst. Im Grunde sinnlos und es kostet nur unnötig Kraft. Meine Familie steht zum Glück hinter mir, wir halten alle fest zusammen und seit ich wieder regelmäßig bei meinem Lieblingspferd bin, geht es mir besser.


@Linette: Ja, da sprichst du mir auch aus der Seele. Auch wenn ich durch mein Stoma wenigstens von der Toilette befreit bin, merke ich die Krankheit halt trotzdem noch intensiv. Es gibt mal bessere, mal schlechtere Tage. Und gerade wenn es wieder schlechter wird, kommt auch die Angst wieder stärker in mir hoch. Ich weiß nicht, ob ich jemals Vollzeit arbeiten kann, von was ich später einmal leben soll. Ich nenne das Zukunftsängste. Darüber sprechen kann ich mit kaum jemanden außer meinen Schwestern oder Eltern; vom Rest werde ich belächelt.
Mich hat die Krankheit sehr einsam gemacht, weil einfach vieles nicht mehr geht, was früher selbstverständlich war. Und dann bleibt man irgendwo auf der Strecke. Wie heißt es so schön? - Wahre Freundschaft zeigt sich erst in schlechten Zeiten. Ist traurig, aber wahr.
Halte durch! Wir sind ja nicht allein
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Mondkalb » Do 12. Sep 2019, 17:26

Hallo Trüffel,

wenn ich so darüber nachdenke, habe ich mich lange Zeit auch ausgegrenzt gefühlt, angebliche Freunde sind auch weggebrochen. Was übrig blieb war nicht viel, aber ist bis heute von Dauer, die Freundschaften vertieft.

Mit dem anders sein komme ich heute gut zurecht, lebe irgendwie leichter, mache mir mein Leben nicht unnötig schwer. Ich habe akzeptiert das dass Leben seine eigene Geschichte schreibt, ich mache mir erst Gedanken, wenn eine Situation eintritt um dann mein Leben zu gestalten. Anders damit umzugehen ist meines Erachtens Energieverschwendung.

Heute war ich zu Koloskopie und siehe da :D der Darm ist entzündungsfrei, aber halt sehr vernarbt geworden über die Jahre. :(

Deine Zukunftsängste kann ich gut nachvollziehen und bin froh mir hier keine Gedanken mehr drüber zu machen.
Nächstes Jahr werde ich, wie es ausschaut, meinen Arbeitsplatz verlieren und ich empfinde den Gedanken als befreiend, liegt aber auch an meiner persönlichen Situation und ist mit dir natürlich nicht vergleichbar.

Auf der Strecke bleibst du nicht, wenn es dir gelingt, für dich neue, für dich mögliche Veränderungen herbeizuführen, woran du Spaß hast. Der Besuch bei deinem Lieblingspferd ist doch schon ein guter Anfang und das deine Familie hinter dir steht ist sehr viel Wert.

LG
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Trüffel » Sa 5. Okt 2019, 16:03

Hallo Mondkalb,

meine bisherigen Freunde haben sich von mir verabschiedet, mehr oder weniger schnell. Irgendwo fühle ich, dass es gut so ist, auch wenn es vielleicht blöd klingt. Aber wenn wir uns getroffen haben, habe ich immer eine gewisse Spannung gefühlt und deutlich gespürt, dass das Kranksein mich von den anderen trennt. Eine einzige Freundin ist mir geblieben, weil uns ähnliches verbindet und wir auch drüber reden können, wenn's mal nicht so schöne Zeiten gibt. Es kommt, finde ich, nicht auf die Quantität an.

Meine Zukunftsängste sind dann besonders groß, wenn ich andere Gleichaltrige sehe und mir dann bewusst werde, was ich alles nicht kann/habe oder vielleicht auch nie schaffen werde. Meine ehemaligen Mitschüler haben inzwischen so gut wie alle ihr Studium durch oder einen Beruf abgeschlossen und stehen irgendwo mitten im Leben, heiraten, gründen eine Familie. Und ich seh mich dann selbst als eine Art Trottel daneben stehen und weiß halt nicht, wovon ich später mal leben soll. Jetzt im Studium, das ich wieder aufnehme, bin ich durch meine Eltern zum Glück abgedeckt. Aber ich weiß nicht, ob ich später Vollzeit arbeiten kann, ob das mein Körper zulässt. Und dann frag ich mich, von was ich leben soll. - Mir ist bewusst, dass es das nicht besser macht, wenn ich über all das nachdenke, aber die Sorgen sind halt einfach da (du sagst das richtig: Energieverschwendung).
Ich mach es dann ähnlich wie du: Schritt für Schritt. Was in ein paar Jahren sein wird, weiß ich (zum Glück?/!) noch nicht und will es auch nicht wissen. Ich warte also erstmal ab, was morgen kommt und irgendwie wird es dann schon immer weitergehen.
Und wenn es mir heute "gut" geht, dann genieße ich das. Denn wenn ich mir Gedanken darüber mache, was morgen ist, verpasse ich vielleicht das Hier und Jetzt und dann stehe ich buchstäblich mit leeren Händen da.

In diesem Sinne liebe Grüße
Trüffel
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Mondkalb » Mo 7. Okt 2019, 18:16

Hallo Trüffel,

die Qualität der Freundschaften ist wichtig, genauso wie der Rückhalt in deiner Familie, was auch nicht selbstverständlich ist.
Sei nicht so hart zu dir, (Art) Trottel kenne ich viele, Glaube aber nicht das du einer bist! Für mich liest sich das eher wie eine Sehnsucht nach „Normalität“ die du erlangen möchtest. ;)
Konzentriere dich nicht auf das, was du nicht kannst, haben wirst oder nie schaffst, sondern auf das Mögliche.
Ich mache heute auch nicht das, was ich gerne mache, sondern das, was ich in meiner Situation gut kann. Auch wenn es schwerfällt muss der Fokus neu ausgerichtet werden. Könntest du dir vorstellen vielleicht etwas anderes zu studieren? Wo würdest du derzeit deine Stärken sehen?

Trüffel hat geschrieben: Ich warte also erstmal ab, was morgen kommt und irgendwie wird es dann schon immer weitergehen.


Wenn ich zurückdenke, wollte ich auch heiraten, Kinder zeugen, ein Haus bauen irgendwie das was die Mehrheit auch wollte und zwar Zeitnah. Zum Heiraten gehören immer zwei, da war schon mein erstes Problem.
Meine Frau habe ich mit knapp 26 Jahren erst kennengelernt, geheiratet haben wir erst im letzten Oktober nach 23 Jahren. Eigene Kinder gibt es leider keine. Das Haus, habe ich irgendwie auch nicht geschafft, wollte mich nie verschulden, das erhöht nur die Abhängigkeit, das nichts schief laufen darf. Wie heißt es doch bei Goethe/Wallenstein? Wer viel bedenkt, wird wenig leisten! Shit happens!

Am Anfang des Lebens fand ich gute Startbedingungen vor, und dann ging es nicht wie bei den anderen in meinem Umfeld geschmeidig aufwärts, sondern immer rauf und runter.
Vor einigen Jahren hatte ich das Angebot das mir die Meisterausbildung bezahlt wird, ich war gehemmt durch die Krankheit, habe es mir nicht zugetraut, war mir nicht sicher, zu dem damaligen Zeitpunkt war die Entscheidung richtig mich dagegen auszusprechen.
Auch wenn die Träume von einst sich nicht ganz erfüllten, so bin ich heute trotz allen ein zufriedener Mensch und dankbar für das Erreichte, das Schöne ist, die Prioritäten im Leben ändern sich.

Deine Sorge das man später vor dem nichts steht, kann ich gut nachvollziehen, die Grübelei darüber bringt nur nichts. Es ist am Ende nur vertane Zeit. Das hier und jetzt genießen wenn es dir gut geht, ist der richtige Weg, sonst vergeudet man nur diese wertvolle Zeit.

In diesem Sinne wünsche ich dir eine gute und vor allem eine schöne Zeit,
Mondkalb
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Trüffel » Di 10. Dez 2019, 00:20

Mondkalb hat geschrieben:Ich mache heute auch nicht das, was ich gerne mache, sondern das, was ich in meiner Situation gut kann. Auch wenn es schwerfällt muss der Fokus neu ausgerichtet werden. Könntest du dir vorstellen vielleicht etwas anderes zu studieren? Wo würdest du derzeit deine Stärken sehen?


Den Fokus neu ausrichten - fast schon mein Lebensmotto über die letzten Jahre hinweg. Mein Körper gibt mir vor, was ich machen kann und was nicht. Nicht immer fällt es mir leicht, das zu akzeptieren, auch wenn mir nichts anderes übrig bleibt. Denn ändern lässt es sich ja nicht.
Nichtsdestotrotz fühle ich mich dann so fremdbestimmt. Und es macht mich traurig, zu spüren, wie mein Körper sich selbst kaputt macht und gegen sich selbst richtet.
Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Jeden Tag muss ich aufs Neue mit Erschöpfung und Schmerzen fertig werden;
In meinem Studium habe ich eine neue Aufgabe gefunden, die mich ablenkt und mich auf andere Weise fordert. Aber es ist nicht leicht, "Gesundheit" und Uni unter einen Hut zu kriegen; während meine Kommilitonen ihre freien Nachmittage auf dem Weihnachtsmarkt verbringen und abends auf die ein oder andere Party gehen, verbringe ich meine Stunden in der Ambulanz, bei Untersuchungen, in Arztgesprächen...oder liege völlig platt daheim im Bett. Da es sich nicht von allein lernt, muss ich auch da schauen, dass ich das auf die Reihe kriege; ich gönne mir zwischendurch schöne Momente, einen Spaziergang, eine Tasse Tee in eine warme Decke eingemummelt... - je nachdem, was sich kräftemäßig gerade umsetzen lässt.
Mondkalb hat geschrieben:das Schöne ist, die Prioritäten im Leben ändern sich.

Das bewahrheitet sich für mich immer wieder. Was heute wichtig ist, sieht morgen vielleicht schon wieder ganz anders aus...
Sich jeden Tag neu auf das Abenteuer einzulassen, erfordert auch Mut.

Nach wie vor gibt mein Crohn mir den Takt vor; er bestimmt meine Tage und Nächte, lässt mich vor Schmerzen manchmal kaum ein Auge zu tun, zwingt mich am Tag vor Erschöpfung in die Knie; aber auch wenn er meint, mich rumkommandieren zu müssen: er ist nur ein Teil von mir; in den letzten Wochen habe ich gelernt, mich/mein Leben aus einem anderen Blick zu sehen, mit liebenden Augen.

So seltsam es vielleicht klingen mag, aber meine Pläne sind vollkommen dahin; ich denke nicht mal mehr an morgen; ich nehme inzwischen jeden Tag so, wie er kommt, auch wenn es manchmal echt sch**** ist... Ich würde mir so sehr wünschen, dass mein Körper zur Ruhe kommt und der Crohn einfach mal nichts macht; da ich den Tag X nicht kenne, bleibt mir nichts anderes übrig, als es auszuhalten so wie es ist. Ich fühle mich viel zu erschöpft, um mich groß dagegen zu wehren. Aber ich bin zuversichtlich, dass es gut werden wird.
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Mondkalb » Di 10. Dez 2019, 21:04

Hallo Trüffel,

wie ich schrieb, ändern sich immer wieder die Prioritäten, heute mache ich nicht mehr das, was ich vor hatte, sondern ich schreibe dir. ;)

Das Gefühl des fremdbestimmt werden durch den Darm das passt schon, das hast du gut beschrieben. Am Donnerstag, in der Früh, mache ich ein Krankenbesuch und habe das Loperamid schon zurechtgelegt. Es kann ein guter Tag werden oder eben halt nicht, ich weiß es nicht. Ist der Darm ruhig, wird es drücken, muss ich schnell reagieren? Ich kann immerhin dabei sein, es wird irgendwie schon gehen.

Leicht ist es je nach Krankheitsverlauf mit einer CED bestimmt nicht, man nimmt die Krankheit an und lebt mit ihr und dann auf einmal geht es nicht mehr. Abgeschlagenheit, Müdigkeit, man ist einfach erschöpft. Das Aufnehmen von Informationen fällt teilweise schwer.

Der Körper gibt einem vor, was geht und was nicht, auch hier dto. Ich mag keine großen Menschenmaßen, Kreuzfahrten waren immer ein graus für mich. 2014 habe ich eine Kreuzfahrt gemacht weil es die einzige Möglichkeit, neben einem Wohnmobil, für mich war, in den Urlaub zu fahren. (Abort)

Den besagten Fokus richte ich derzeit auch neu aus und gestehe, mir geht enorm die Düse, weil ich nicht weiß wie es wird.

Der Wunsch, dass Selbe zu machen wie die anderen, einfach dazu zugehören ist so was von selbstverständlich und trotzdem geht es nicht. Weihnachtsmarkt besuchen, auf eine Party gehen, dies alles bleibt einem zu dieser Zeit verbaut, wenn es einem schlecht geht.
Wenn ich zurückblicke, was habe ich gehadert mit mir und diesen Situationen. Wenn es geht, bin ich dabei und ansonsten genieße ich die Tage heute anders. Vergangenen Samstag habe ich mir auch eine Teekanne gemacht Kopfhörer auf und Sam Fender gelauscht. Den ganzen Tag rauf und runter.

Sich auf Abenteuer einzulassen erfordert nicht nur Mut, sondern auch Entschlossenheit, gebe zu, hier haperts bei mir. (Ich brauche immer etwas Zeit! :roll: )
Sich selbst zu mögen ist sehr wichtig, schön zu lesen das du mit liebenden Augen auf dich selber blickst.

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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Trüffel » Mi 1. Jan 2020, 12:36

Hallo Mondkalb,

du schreibst mir so von der Seele, ich finde mich in deinen Worten wieder. Das empfinde ich als tröstend, beruhigend und auch ermutigend.
Das Leben besteht aus Aufs und Abs, das lässt sich nicht vermeiden. Mit der Krankheit nehme ich die Höhen und Tiefen anders wahr, habe auch einen anderen Blick auf das Leben und die Zukunft, gerade vllt auch aufgrund der Erfahrung, welche Grenzen dem eigenen Leben gesetzt sind, und durch das Erleben der eigenen (körperlichen) Schwäche.

Neulich war ich bei einem Pfarrer zu Besuch, den unsere Verwandtschaft näher kennt und der dadurch auch von meiner Krankheit weiß. Es hat gut getan, einfach mal über Kranksein, Krankheit und das Leben zu sprechen. Aber gleichzeitig hat mich auch etwas belastet. Zusätzlich zum Darm macht mir auch der Magen zu schaffen (Verengung am Magenausgang) - und die Worte des Pfarrers waren daraufhin: ich sei ein Mensch, der "zu viel schluckt"; dass meine Beschwerden vom Darm immer weiter "aufsteigen" und sogar schon den Magen erreicht haben, ist ein Zeichen dafür, dass ich "zu viel schlucke", auch wenn es mich buchstäblich "ankotzt".
Zuhause hab ich mit meinem Papa darüber gesprochen und er sieht das wie ich: natürlich hängen Körper und Psyche, Leib und Seele irgendwo zusammen. Und wenn es einem körperlich schlecht geht, wirkt sich das halt auch in gewisser Weise auf die Psyche aus. Umgekehrt ist ja auch von psychosomatischen Krankheiten die Rede.
Aber schwere organische Erkrankungen durch seelische Ursachen zu erklären - das hält er für wenig sinnvoll.
Körperliches Leiden kann mich dazu bringen, mein Leben oder mein Verhalten in gewisser Weise auf den Prüfstand zu bringen, aus einer anderen Perspektive zu betrachten, vllt auch Änderungen zu erwägen (man muss sein Leben mit der Krankheit neu auf die Reihe kriegen). Aber dass ich krank bin, weil ich ein sensibler Mensch bin mit feinen Antennen - das geht mir echt zu weit. Ich kann diese Meinung nicht teilen.
Und der Obergipfel kommt noch: meine Mama ist eine Person, die sich um alle in der Familie kümmert; ohne sie gäbe es unseren Zusammenhalt so nicht; sie ist buchstäblich diejenige, die uns zusammenhält. Ihr Einsatz für andere ist grenzenlos und oft stellt sie auch ihre eigenen Bedürfnisse zurück, wenn es darum geht, anderen zu helfen; worauf der Pfarrer hinauswollte: das ist ebf. ein Zeichen für "viel schlucken": meine Mama würde zu viel schlucken und hat das an mich weitervererbt und ich trage sozusagen die körperlichen Folgeschäden davon.
Das ist so ziemlich wortwörtlich wiedergegeben von dem, was mir gesagt wurde. Ich hoffe, es ist einigermaßen verständlich...

Ich würde mich durchaus als einen gläubigen (im christlichen Sinne) Menschen bezeichnen, aber das geht mir irgendwie zu weit.
...ach ja, laut Pfarrer soll ich ja nicht "alles schlucken", sondern "abgeben". Ich für mich habe den Eindruck, dass ich da inzwischen einen für mich guten Weg gefunden habe, v.a. wenn ich in der Natur bin oder bei meinen Tieren. Zuhause kümmere ich mich um unsere Meerschweinchen, was eine wahre Freude für mich ist; ich bin regelmäßig bei meinen Lieblingspferden. Bei Tieren - egal ob groß oder klein - fühle ich mich geborgen, ich brauche keine Worte, um mit ihnen zu sprechen, sie geben mir Wärme und Zuversicht. Ich bin gern in der Kirche oder bete für mich im Stillen, weil mir das die Möglichkeit gibt, alle Sorgen, Ängste, Zweifel, Fragen abzugeben, in die Hände eines "Größeren" zu legen und mich seinem Schutz anzuvertrauen und mich darauf einzulassen, neu das Schöne und Wunderbare zu entdecken und zu erfahren.
Ja und dass es Tage gibt, wo es wirklich mal zum "Kotzen" ist - Entschuldigung, wer hat/kennt das nicht? Auch meine Kommilitonen in der Uni, die kerngesund sind, erzählen davon. Das Leben ist eben kein Wunschkonzert ;)

Liebe Grüße und ein möglichst gesundes neues Jahr wünscht Trüffel
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitragvon Mondkalb » So 5. Jan 2020, 19:15

Hallo Trüffel,

es Freud mich sehr zu lesen das unser Austausch dir etwas hilft.

Trüffel hat geschrieben:Mit der Krankheit nehme ich die Höhen und Tiefen anders wahr, habe auch einen anderen Blick auf das Leben und die Zukunft, gerade vllt auch aufgrund der Erfahrung, welche Grenzen dem eigenen Leben gesetzt sind, und durch das Erleben der eigenen (körperlichen) Schwäche.

Der Verlust eines Menschen zeigt auf wie vergänglich man selber ist, Krankheit vielleicht wie zerbrechlich. Unvorhersehbare Ereignisse können den Blick auf das Leben verändern, wenn es gut läuft den Blick schärfen für das „wichtige“ im Leben, was ansonsten, da es nicht beachtet würde, an einem nur vorbeigezogen wäre.


Ich habe jetzt ein bisschen Zeit gebraucht um über deine Zeilen nachzudenken. Im Grunde ist für mich die Kirche eine Hand, die mich schon sehr lange nicht mehr erreicht, ich respektiere aber die Menschen, die in ihrem Glauben Hoffnung und auch Hilfe finden.


Trüffel hat geschrieben:und die Worte des Pfarrers waren daraufhin: ich sei ein Mensch, der "zu viel schluckt";

Als mein CED- Verlauf sich verschlechtert hatte, bekam ich dieselbe Aussage von meiner Ärztin zu hören wie du vom Pfarrer, ich würde zu viel runter schlucken und sollte mal auf den Tisch hauen. Alles was ich dadurch erreicht hatte, war ein verstörtes Umfeld bei schlechter werdenden Gesundheitsverlauf. Austeilen bedeutet halt auch einstecken zu müssen.

Trüffel hat geschrieben:Zuhause hab ich mit meinem Papa darüber gesprochen und er sieht das wie ich: natürlich hängen Körper und Psyche, Leib und Seele irgendwo zusammen. Und wenn es einem körperlich schlecht geht, wirkt sich das halt auch in gewisser Weise auf die Psyche aus

Um so schlechter es mir ging, umso öfter hörte ich dann auch von meiner Ärztin, jetzt wäre es psychisch bedingt, würde nicht mehr so freundlich wirken wie sie mich kennengelernt hätte. Bei mir war es auch so wie Du und dein Papa es sagen, erst ging es mir körperlich schlecht und danach folgte die Psyche, weil ich nicht mehr klar kam mit der Situation. Im Leben habe ich viel gemeistert, mit einem psychischen Knachs wäre das undenkbar gewesen.

Trüffel hat geschrieben:Aber dass ich krank bin, weil ich ein sensibler Mensch bin mit feinen Antennen - das geht mir echt zu weit.

Ein sensibler Mensch mit feinen Antennen zu sein bedeutet ja nicht, dass man sich alles annehmen muss.

Trüffel hat geschrieben:Und der Obergipfel kommt noch: meine Mama ist eine Person, die sich um alle in der Familie kümmert; ohne sie gäbe es unseren Zusammenhalt so nicht; sie ist buchstäblich diejenige, die uns zusammenhält.

Zusammenhalt von Herzen gewollt funktioniert anders als erzwungener Zusammenhalt. Es hilft wenn man erlaubt, sich selbst einmal in das Rampenlicht zu stellen mit den Fragen was möchte ich, was tut mir gut, was sehe ich, im Leben, als Belastung an?

Wir bekommen von der Gesellschaft vorgelebt, lernen den Lebensstil unserer Eltern, sind daran gewöhnt und sehen ihn als richtig oder als falsch an, daraus entstehen Folgen.
Deine Mama hat „viel geschluckt“ und du trägst die körperlichen Folgen davon, ist so wahrscheinlich, wie das ich auf Hähnchen stehe, weil meine Mutter vor der Entbindung noch schnell einen Hahn verdrückt hat. Meine Mutter glaubt bis heute an diesen Zusammenhang. ;) Lass dir nichts einreden Trüffel.

Trüffel hat geschrieben:...ach ja, laut Pfarrer soll ich ja nicht "alles schlucken", sondern "abgeben".

Nicht alles schlucken:
Gedanken teilen. Als ich nach einem schweren Schub wieder auf Arbeit kam, wurde ich vom Vorgesetzten begrüßt mit den Worten: „Du bist nicht mehr planbar.“
Da draußen, alle wie sie da an ihren Werkbänken sitzen, können morgen schon nicht mehr da sein. Jeder Einzelne von ihnen ist nicht planbar selbst du nicht, war meine Antwort.

Abgeben:
Gedanken teilen. Aufgaben teilen. Hilfe zulassen.

Was bedeutet für dich abgeben und was bedeutet für dich nicht alles schlucken?

Trüffel hat geschrieben: Ich für mich habe den Eindruck, dass ich da inzwischen einen für mich guten Weg gefunden habe, v.a. wenn ich in der Natur bin oder bei meinen Tieren.

Um den Kopf frei zubekommen gehe ich auch viel in die Natur, bin gerne bei den Heckrindern und gehe dort spazieren.

Trüffel hat geschrieben:Ich bin gern in der Kirche

Wegen der Architektur gehe ich in Kirchen und Moschen, schaue mir alles an, zu einem religiösen Glaube fehlt mir aber die Bindung. Es bedeutet aber nicht, dass ich keinen Glauben hätte.
Aus einem persönlichen Erlebnis heraus bin ich überzeugt, das nach diesem Leben noch etwas sein wird, schildern möchte ich dies aber hier jetzt nicht, das wäre jetzt nichts für das Forum.

Liebe Grüße und ein möglichst gesundes, zufriedenes neues Jahr auch für dich Trüffel.

Dein Leitspruch von Marie von Ebner-Eschenbach gefällt mir.
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