"Ich kann es nicht mehr hören..."

Psychologischen Aspekte im Zusammenhang mit CED.
Belialsama
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Belialsama »

@Eusebia:

Was mich an diesen Sprüchen ankotzt ist die darin mit schwingende stets abschätzige Unterstellung, dass ich junges doofes unerfahrenes Ding ja nichts Schlimmes haben kann und dementsprechend respektlos werde ich hier von diesen Leuten auch behandelt. Und das ist es, was ich von anderen Menschen erwarte: Respekt!
Hier werden die unterschiedlichsten Krankheitsbilder therapiert. Es ist völlig überflüssig jemand Fremdem, dessen Diagnose man nicht kennt und dem man nicht ansieht, was er durchmachen musste, auch noch saudumme Sprüche zu drücken und das jeden Tag aufs Neue. Ich kann auch nichts dafür, dass mich der Rentenversicherungsträger ausgerechnet hierher verfrachtet hat, wo ich altersbedingt natürlich auffalle, zumal ich zur Zeit der einzige Stomaträger bin.
Diese Respektlosigkeit durch die oberflächliche Vorverurteilerei gipfelte dann darin, dass mir ein besonders witziger älterer Herr kumpelhaft mit der flachen Rückhand in den Bauch schlug. Auf meinen entsetzten Aufschrei entgegnete er bloss, dass er ja nicht gewusst habe, dass Frauen sowas auch kriegen.
Mein Stoma sieht man unter der Kleidung kaum, es furzt nicht ohrenbetäubend und es stinkt nicht. Ich falle also nicht schön kilometerweit vorher auf.Ich hab auch nicht vor es mir dick und fett auf die Stirn zu schreiben.
Aber man ist in einer Reha eben weil man krank ist...das hast Du ja schon mal erkannt. Da sollte man meinen, dass die Mitpatienten wenigstens mal vorher überlegen könnten bevor sie mit solchem Blödsinn rauspoltern, weil ja klar sein müsste dass hier keiner nur zum Nachbohren angereist ist.

Lg

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Carmen
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Carmen »

Hallo Belialsama,

scherst Du jetzt vielleicht nicht alle über einen Kamm und bringst Deinen Mitpatienten keinen Respekt entgegen? Bedenke auch, in welcher Zeit die Menschen um Dich herum groß geworden sind. Selbst heute ist es noch nicht selbstverständlich, über Beschwerden zu reden, die mit der "Verdauung" zu tun haben. Als mein Arzt das erste Mal etwas von Morbus Crohn sagte, fragte ich mich nur, ob man das essen kann... Über künstliche Hüften und Knie kann Otto Normalverbraucher leichter mitreden.
Auf meinen entsetzten Aufschrei entgegnete er bloss, dass er ja nicht gewusst habe, dass Frauen sowas auch kriegen.
Na also, er gibt zu, dass er das nicht gewusst hat - was willst Du mehr?

Ich habe den Eindruck, dass Du Aussagen vor allem darauf prüfst, ob sie Vorurteile oder Verletzungen enthalten bzw. enthalten KÖNNTEN. Vielleicht steckt hinter einem "Sie sind ja noch viel zu jung für eine Reha" ein mitfühlendes "Ich würde Dir wünschen, dass Du feiern gehst statt mit uns alten Säcken hier abzuhängen" oder ein interessiertes "Das ist aber ungewöhnlich. Was haben Sie denn für eine Krankheit?".

Viele Grüße
Carmen
Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. (Johann Wolfgang von Goethe)

Belialsama
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Belialsama »

Also dass es auch noch jemand hier rechtfertigt, dass man einem Stomapatienten mit frischer Bauchnaht auf den Bauch haut, weil man zu dumm ist, sich zu benehmen, find ich jetzt wirklich schockierend.
Das hat nichts mit Wohlwollen von der Person zu tun, die so etwas tut.Ob dem das hinterher leid tut oder nicht, das ist gefährlich!
Auch nicht, wenn man von Männern gesetzten Alters auf der Pirsch bis aufs Zimmer telefonisch verfolgt wird.Von Annäherungsverduchen fang ich erst gar nicht an, sonst muss ich gleich k....
Was für ne Generation soll das denn sein???
Für die ist ne Anschlussheilbehandlung möglicherweise ne Spaßveranstaltung, während ich hinterher wieder arbeitsfähig werden soll. Ihr solltet euch mal die Tonnen für die Glasflaschen ansehen. Randvoll mit Wein und Schnapsflaschen...
Ich geh bestimmt nicht zum lachen in den Keller, aber hier bekommt das Sprichwort "je oller desto doller ganz neue Bedeutung"...und man sagte mir, dass das halt so sei bei der Reha...Naja, brauchen wa uns aber auch über nix mehr zu wundern.

Ehrlich...ich kann hier nur den Kopf schütteln...
Lg

kalinka
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von kalinka »

Carmen hat geschrieben: ...Vielleicht steckt hinter einem "Sie sind ja noch viel zu jung für eine Reha" ein mitfühlendes "Ich würde Dir wünschen, dass Du feiern gehst statt mit uns alten Säcken hier abzuhängen" oder ein interessiertes "Das ist aber ungewöhnlich. Was haben Sie denn für eine Krankheit?"...
Hey Carmen und Co,
das ist wahrscheinlich der "Grundgedanke" von (den meisten) älteren Patienten um einen herum. Ich kenns von den anderen (oftmals älteren) Patienten, die bei meinem Gastro im Wartezimmer sind. Da werd ich auch immer gefragt,ob ich meine Oma abholen will oder mit wird gesagt "Kindchen, komm bloß nicht in unser Alter, dann würdest du hier auch als Patient sitzen"...etc. Wenn ich dann sage, dass ich auch Patientin bin, sind sie oft sehr erstaunt und entschuldigen sich. Ich empfinde das aber nicht als allzu schlimm, da ich denke, dass sie einfach ein Gespräch beginnen wollen, um sich in der Wartezeit unterhalten zu können. Ist ja auch doof, wenn jeder still dasitzt und keinen Ton spricht...und "Schönes Wetter heute,oder?" kann man ja auch nicht immer fragen :D

Also: Nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen (gerade bei Leuten, die man kaum oder gar nicht kennt) ;)

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Eusebia
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Eusebia »

Hallo Belialsama,

natürlich gibt es blöde Mitmenschen, die einen einfach nur nerven. Aber du scherst doch hier alle über einen Kamm, das stört mich ein wenig. Du hast halt in der Klinik ein Generationen-Problem, gut dafür können deine Mit-Patienten aber nichts. Die meisten meinen es bestimmt nicht so wie du das empfindest.

Der eine Fall, den du schilderst, denn kennen wir bestimmt alle irgendwie, da gibt es einfach (meistens ältere) Männer, die ihre Finger nicht bei sich lassen können und die man sich sehr schlecht vom Hals halten kann. Die ein freundliches Lächeln mit Aufforderung verstehen. Das ist Belästigung. Da kann man aber was dagegen tun. Einfach mal klartext reden oder die Klinik-Leitung einbeziehen.

Aber sind denn alle dort so?

VG Eusebia
Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann niemand helfen.
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silvy
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von silvy »

ja das kenn ich auch, ich kann manchen 100x erklären was das is und immer noch kommt dan die dumme frage, wie schon wieder kranke....wo ich mir denke, hilfe....aber das sich die leute mal die mühe machen, wen sie schon pc haben, um nachzu gucken was es ist,neee.......da frag ich mich immer, sind das wirklich freunde?!

Oder wo ich beschwerdefrei war, und unterwegs waren, da begreift keiner das ich nicht mehr permament stehen kann oder sehr lange laufen....kam evtl durch die medis keine ahnung.......die schmerzen bilde ich mir ja dan auch nur ein jaja.

westerngirl66
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von westerngirl66 »

Hallo zusammen,

nach über 20 Jahren mit der Krankheit habe ich auch schon viele "dumme Kommentare" gehört. Angefangen von "du willst ja gar nicht gesund werden" bis zu "wenn man so krank ist, darf man aber dies und jenes auch nicht essen" oder "du musst nur die richtige Diät einhalten, das richtige Medikament nehmen" usw. Wenn ich mich gut unter Kontrolle habe, kann ich darauf freundlich aber bestimmt reagieren.

Das "Problem" von uns ist wohl einfach, dass wir meist nicht krank aussehen - und wenn wir richtig krank aussehen, brauchen wir solche dummen Bemerkungen meist überhaupt nicht! Ich habe jahrelang "wie das blühende Leben" ausgesehen mit massivem Übergewicht vom Cortison, sehr zu meinem Leidwesen. Frei nach dem Motto "Wie können sie tagelang Durchfall haben mit dem Übergewicht?" Das waren schwere Zeiten für mich. Gottlob habe ich in den letzten 5 Jahren das Übergewicht in einem nicht enden wollenden akuten Schub komplett verloren und gleich noch ein paar Kilos mehr und sah dann monatelang aus wie der Tod auf Socken. Man darf es gar nicht laut sagen, aber das war für mich eine Erleichterung, denn mein Umfeld hat endlich GESEHEN, dass ich wirklich krank bin! Vorher hat man es mir ja nie geglaubt wegen den Wassereinlagerungen und den Fettrollen vom Cortison. Das war dann alles weg und mein wirkliches Ich kam zum Vorschein. Ja, ich schäme mich dafür, dass ich erleichtert war über die krasse Gewichtsabnahme aber ich war auch so froh, das Übergewicht endlich losgeworden zu sein. Blöde war halt nur, dass man die rapide "Talfahrt" so schwer stoppen konnte... aber auch das habe ich irgendwie geschafft. ;)

Heute fällt meinen Kollegen und Bekannten sofort auf, wenn ich Schmerzen habe. Sie haben gelernt, in meinem Gesicht zu lesen (weil ich doofe Nuss ja auch noch mit dem Kopp unterm Arm ins Büro gehe). Da erwacht dann sofort der Mutterinstinkt bei einigen, lach. Wenn ich mal einfach so (ja, heute geht das!) 1-2 kg Gewicht verliere, fällt das meist sofort auf und wird entsprechend kommentiert. Mein Umfeld ist in den letzten Jahren wohl an meiner Krankheit gewachsen und sensibler geworden. Ob ich das positiv oder negativ finde, kann ich noch nicht sagen. *grins Zumindest hat es mein Leben mit der CU etwas vereinfacht.

Schönen Gruß
Kati

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Shizuna
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Shizuna »

Mir wird auch ständig gesagt, es sei ja nicht so schlimm.
Warum? Ne Bekannte hat MC und kommt super damit aus, schön für sie aber dann kann sie ja nicht einfach behaupten es sei doch gar nicht so schlimm.
Seit dem werde ich sogar gemobbt. Ich würde lügen, ich versuche nur freie Tage ab zu stauben und, und, und.
Das ich aber gerade wirklich am Ende bin will keiner sehen.
Und so langsam fällt es mir schwer das zu ignorieren.
Ich hab dank der Krankheit nur noch meinen Mann, meinen Vater und meine Schwiegereltern.
Alle anderen meinten immer, so krank kannst du gar nicht sein, du kannst noch lachen (ja soll ich den ständig weinen?), du machst Sport (damit versuche ich wenigstens etwas den Stress ab zu bauen und mein Pferd tut mir einfach nur gut) und man sieht ja nichts.
Selbst wenn ich versuche Infos zu geben warum das alles so ist, wird immer abgewunken und gemeint ich solle nicht so schlimm tun.

I meinem ganzen Leben hab ich jeder Hürde getrotzt nur an dieser CU zebreche ich gerade enorm.
Entschuldigt gerade das rumgeheule, aber hier versteht man mich wenigstens und tut mir nicht noch mehr weh.
Keine Zeichen, und gesprochen
ward nur zart das Wort »Lenor«,
Zart von mir gehaucht – wie Echo
flog zurück das Wort »Lenor«.
Nichts als dies vernahm mein Ohr.

Der Rabe - Edgar Allan Poe

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Mondkalb
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Diagnose: CU

Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Mondkalb »

Shizuna hat geschrieben:Mir wird auch ständig gesagt, es sei ja nicht so schlimm.
Warum? Ne Bekannte hat MC und kommt super damit aus, schön für sie aber dann kann sie ja nicht einfach behaupten es sei doch gar nicht so schlimm.
Seit dem werde ich sogar gemobbt. Ich würde lügen, ich versuche nur freie Tage ab zu stauben und, und, und.
Shizuna, jeder Verlauf ist anders, ebenso wie das Empfinden.
Ein Arbeitskollege kam aus dem Ägyptenurlaub zurück, der war drei Tage nur auf dem Klo das kann ich mir ja gar nicht vorstellen.
Genau er ist einer von den Begriffsstutzigen die nicht verstehen wollen/können.
Um die Mitmenschen über Deine Erkrankung aufklären zu können muss Interesse vorhanden sein, nicht nur für die CED sondern auch an Deiner Person, aber wer Interessiert sich schon für Krankheiten oder etwa für dessen Verläufe?

Mit dem Lachen und dem Sport versuchst Du Normalität im Deinem Leben zu bewahren. Lass Dich nicht unterkriegen! ;)

LG Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

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Rirumu
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Re: "Ich kann es nicht mehr hören..."

Beitrag von Rirumu »

Hallole shizuna,

fühl Dich mal bitte gedanklich geknuddelt!
Echte Freunde verstehen, wie Du Dich fühlst, der Rest kann Di...r mal im Mondschein begegnen! : D
Gott ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht. Was können mir Menschen tun?
Psalm 118, 6

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