Psyche fährt Achterbahn

Psychologischen Aspekte im Zusammenhang mit CED.
Benutzeravatar
Mondkalb
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 430
Registriert: Fr 21. Dez 2012, 20:32
Diagnose: CU

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

wie geht es den dem Kaviar unter den Pilzen? ;)
Hast du deinen "Urlaub" gut überstanden?

Liebe Grüße
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

Trüffel
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 466
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,

das ist sehr lieb, dass du an mich denkst und nachfrägst!

Dem Trüffelchen geht es, wie soll ich sagen, leider sehr bescheiden. :cry:
Der "Urlaub" im Krankenhaus ist ein Höllentrip - der einzig fähige Arzt ist/war der Anästhesist (nach wie vor mein Lieblingsarzt).
Nach der OP ging's mir super-sch***, Schmerzen wie Sau und die Ärzte (in diesem Fall Chirurgen) haben Medikamente kombiniert, die man nicht kombinieren darf. Das hat mich so weggedröhnt, dass ich über Tage nicht ansprechbar war.

Die OP-Wunde hat zum Eitern angefangen, deswegen hat man die Laparotomiewunde wieder geöffnet und jetzt offen gelassen. Gleiche Prozedur wie im letzten Jahr: offener Bauch, der mit Durafiber ausgestopft wird (ich fühle mich wie eine Weihnachtsgans :lol: ).
Der parastomale Abszess hat beschlossen, wieder einzuziehen, d.h. ich hab jetzt zwei eitrige Wunden. Der Abszess ist den Chirurgen allerdings vollkommen gleichgültig.
Im Unterbauch hat sich freie Flüssigkeit angesammelt - zu viel freie Flüssigkeit, wie man im Ultraschall gesehen hat. Der Radiologe war entsetzt und hat sofort punktiert. Der ganze Bauch voller Blut. Weil es so viel war, wollte er eine Drainage legen. Aber das hat auch nach mehrmaligem Punktieren nicht geklappt, weil ich zu dünn bin und die Gefahr zu groß ist, dass der Arzt dabei den Darm perforiert.
Jetzt macht man regelmäßig eine Sono, um zu gucken, ob das Blut im Bauch weniger wird. Aber noch sieht es nicht gut aus.
Die Ärzte können keine Infusionen mehr legen - alles vernarbt, kaputt, hinüber... Der Anästhesist hat für die OP 13 Mal stechen müssen, bis eine Nadel drinnen war (und Anästhesisten sind eigentlich Profis im Nadellegen; sie machen ja den ganzen Tag nichts anderes :lol: ), meine Arme sind grün, blau und veilchenlila. Aber das ist grad mein kleinstes Problem.

Hab seit 8 Tagen erhöhte Temperatur und leichtes Fieber, was die Chirurgen nicht ernst nehmen.
Mein Körper kann nicht mehr.

Aber aufgeben ist definitiv keine Option für mich. Dann war mein Kämpfen in den letzten Jahren umsonst. Ich glaube einfach ganz fest daran, dass auch wieder gute Zeiten kommen.

Ich denke/hoffe, ich werde/kann mich in der nächsten Zeit mal nochmal melden; wollte eigentlich noch auf deine vorherige Antwort Bezug nehmen; aber ich merke grad, dass mir die Kraft fehlt.

Soweit erstmal ganz liebe Grüße!
Trüffel
Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind;
wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Benutzeravatar
Mondkalb
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 430
Registriert: Fr 21. Dez 2012, 20:32
Diagnose: CU

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

was mir immer mal wieder hier passiert, ist, dass ich mich Frage, wie es jemanden Bestimmtes hier wohl gehen mag und hier kommen wir zu dir.
Durch deinen Verlauf durch das Geschriebene habe ich gemerkt, das ich mir Sorgen um dich mache, irgendwie verrückt, aber wahr. Was will man machen? ;)

Am Mittwoch habe ich deine Zeilen gelesen und war nicht imstande, direkt zu Antworten, ein erneutes Lesen hat es nicht besser gemacht, bin fassungslos.

Jetzt sitze ich hier, so viele Gedanken gehen mir durch den Kopf und ich bekomme nichts geschrieben, bin immer noch schockiert. Meine Erwartung war, dass es dir nach der OP besser geht, aber das ist gegen meine Vorstellung, was dir widerfahren ist. :shock:

Mir zeigt es auf, wie leichtsinnig ich damals eigentlich war, meinen Dickdarm raushaben zu wollen, die damit verbundenen eventuellen Konsequenzen waren mir einfach schnuppe, aber wenn man nicht mehr kann, ist man zu vielen bereit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, alles endet, was nicht verwundert, wie hattest du geschrieben, man möchte nur das dieser Zustand aufhört.
Diesen Monat geht die CU (?) und ich schon seit 30 Jahren gemeinsam durchs Leben, wie die Zeit vergeht.

Ich wünsche dir von Herzen, dass auch du bei Zeiten zurückschauen wirst und alles, was du derzeit erlebst, eine verblasste Erinnerung wird.

Halt dir immer vor Augen die Kanaren warten und ich freue mich wieder von dir zu lesen!

Gute Besserung wünsche ich dir und pass gut auf dich auf!

Liebe Grüße,
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

Trüffel
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 466
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,

ach, das ist sehr lieb von dir - danke dir!! :)
Mondkalb hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 11:05
Mir zeigt es auf, wie leichtsinnig ich damals eigentlich war, meinen Dickdarm raushaben zu wollen, die damit verbundenen eventuellen Konsequenzen waren mir einfach schnuppe, aber wenn man nicht mehr kann, ist man zu vielen bereit.
Ja, das kenne ich und - so mein Gefühl, irgendwie ist so ein Gedanke doch auch normal, oder?

Letztes Jahr bei meiner Darm-OP war ich felsenfest davon überzeugt, dass es die letzte OP sein würde: Darm draußen, dann wird alles gut sein.
Ein paar Tage später, als mich meine Eltern besucht haben, sage ich plötzlich: "Wenn jetzt eine OP ansteht, das überlebe ich nicht. Ich habe keine Kraft mehr."
Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Mein Bauchgefühl hat eindeutig gesagt, dass es zu einer unvorhergesehenen OP kommen wird. Aber es gab absolut keinen Anlass dazu - laut Ärzten war "alles in Ordnung". Dann krieg ich mit einem Mal - zack aus heiterem Himmel - Fieber, Schüttelfrost. Ich hatte Angst, es war Todesangst. Zwei Stunden später war das Fieber weg und ich war wieder ruhig. Dafür war mein Bauch bretthart.
Es hat drei weitere Tage gedauert, bis die Ärzte sich dazu entschlossen, mal Sono + Röntgen zu machen (im Rückblick völlig unverantwortlich: 3 Tage mit bretthartem Bauch im Bett... :oops: ). Kaum war ich vom Röntgen wieder auf dem Zimmer, als der Arzt kam und mir mitteilte, dass es sofort in den Not-OP geht. Ich war innerlich total ruhig. Durch die Schmerzen konnte ich ohnehin kaum mehr atmen. Ich hab nur noch meine Familie angerufen, um mich zu verabschieden. Laut Arzt würde ich sie nicht wieder sehen.
Binnen weniger Minuten war ich im OP. Ich habe nur noch funktioniert, irgendwie geatmet und funktioniert.
Dass ich aus der OP aufgewacht bin, ist ein kleines Wunder. Und jeden Tag bin ich sehr dankbar, dass ich noch da sein darf.

...Tja, letztlich wurden aus der vermeintlich letzten OP dann noch sechs weitere... Jetzt stehen noch weitere auf dem Plan, aber die müssen grad noch warten. Erst muss der Körper wieder zu Kräften kommen.
Derzeit ist alles noch so beschwerlich; kann nur ein paar Meter laufen; bin vorgestern zuhause zusammengebrochen. Meine Mama wollte den Notarzt rufen, ich bin dann zum Glück zu mir gekommen, bevor sie das Telefon in der Hand hatte. Ich hab mich gegen den Notruf gewehrt, weil mir mein Bauchgefühl sagt, dass sie mir ohnehin nicht helfen können/wollen. Und bisher war mein Bauchgefühl immer richtig.

Gestern Abend war sehr hart für mich. Ich bin im Bett gelegen und habe heftig weinen müssen, weil ich an früher denken hab müssen, als ich zwar nicht gesund, aber nicht mit offenem Bauch durch die Welt spaziert bin. Es macht mich manchmal so traurig, wenn ich andere Leute in meinem Alter sehe, die arbeiten können, Sport machen, ihren Hobbies nachgehen, etc. - Sachen, die ich früher auch gemacht habe und von denen manches nie wieder gehen wird. Die meiste Zeit komme ich damit klar. Irgendwann wird es irgendwie "normal", eine Art Teil von mir, es gehört einfach dazu. Aber gerade die Selbstverständlichkeit, mit der meine Zeitgenossen ihr Leben leben, + das Wissen, dass ich dieses oder jenes nicht mehr kann, hauen mich manchmal um.
Dann hilft nur weinen, den Tränen freien Lauf lassen. Das kann sehr befreiend sein. Und danach geht es mir besser.

Gerade in schweren Zeiten helfen:
a) der Blick zurück und mir vor Augen halten, was ich schon geschafft habe
b) der Blick nach vorn und der Glaube, dass es gut wird

Es ist manchmal wie in einer Art "Tunnel" oder felsigen Schlucht - vor einem ist eine Biegung; jetzt steht man im Dunkeln und man weiß noch nicht, was hinter der Biegung kommt. Aber ich vertraue darauf, dass mich hinter der Biegung etwas wunderbar Schönes erwartet. Es ist für mich also nicht eine Frage, was hinter der Biegung liegt, sondern wie lange es dauert, die Wegstrecke dieser Biegung zurückzulegen.

Ich danke dir von Herzen, Mondkalb, und wünsche dir erstmal noch ein schönes restliches Wochenende mit viel Sonnenschein!
Trüffel
Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind;
wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Benutzeravatar
Mondkalb
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 430
Registriert: Fr 21. Dez 2012, 20:32
Diagnose: CU

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Meine liebe Trüffel,

da gibt es nichts zu danken, wenn deine Geschichte mich nicht berühren würde, hätte ich ein Herz aus Stein. ;)
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Ja, das kenne ich und - so mein Gefühl, irgendwie ist so ein Gedanke doch auch normal, oder?
Der Gedanke, den Darm heraus zu bekommen, wenn es jemanden so schlecht geht, ist sicherlich normal, geboren aus der Überzeugung heraus, dass alles danach besser wird, das Ganze vielleicht wieder in Normalität umschlägt, es wäre ein Träumchen.
Dieser Wunsch hat ja auch vielen wieder zu einem "normalen" Leben verholfen, sie bereuen diese Entscheidung nicht, sind glücklich über den getanen Schritt.
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Ich war innerlich total ruhig.
Auch wieder so ein Grund, weshalb ich dich als Starken Menschen :!: wahrnehme, auch wenn du das Gegenteil schreibst. Die Tränen, die bei dir fliesen, in einer ruhigen Minute das schmälert das Bild nicht.

Bei meinem letzten Eingriff im Krankenhaus fragte mich der junge Mann aus dem Bett gegenüber, ob ich Angst hab vor der OP, dass ich nicht mehr aufwache, ich sagte ihm, warum verrückt machen, es wird kommen, was passiert, dann kann ich mich doch lieber entspannt zurücklegen und alles auf mich zukommen lassen, die Zeit genießen soweit es geht, es hilft ja nicht hysterisch zu werden.
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Laut Arzt würde ich sie nicht wieder sehen.
Dieses funktionieren in Entscheidenden von Tragweite bedeutenden Momenten, diese Erfahrung habe ich auch gemacht und bin froh, diese Eigenschaft die meine zu nennen.
Wie ich es sehe, schon wieder eine Stärke :!: von dir, es gibt auch die Menschen, die diese Eigenschaft nicht hervorbringen, in diesen Situationen ruhig und gefasst zu sein.
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Derzeit ist alles noch so beschwerlich; kann nur ein paar Meter laufen; bin vorgestern zuhause zusammengebrochen.
Deshalb nimm dir Zeit und fühl dich nicht verpflichtet, mir Antworten zu müssen, mach in deinem Tempo und nach deinem Bedürfnis.
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Ich hab mich gegen den Notruf gewehrt, weil mir mein Bauchgefühl sagt, dass sie mir ohnehin nicht helfen können/wollen.
Das nicht wollen hört sich hart an und tut sicherlich den meisten unrecht. Ich würde mir die Frage stellen, ob die Chirurgen genug Erfahrung haben für eine derart schwere OP!
Rückblickend gesehen, seinerzeit der Oberarzt aus der Gastro im Krankenhaus wollte noch nicht einmal den Wechsel von Azathioprin auf Puri-Nethol durchführen, da er mit diesem Medikament über keine Erfahrung verfügte!
Mein heutiger Gastro erzählte mir, das er im Krankenhaus aufgehört hatte, weil er dort keine richtige Zeit mehr für die Patienten hatte.
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Gestern Abend war sehr hart für mich. Ich bin im Bett gelegen und habe heftig weinen müssen,
Das weinen kann wirklich befreiend wirken und gehört zum Verarbeiten dazu. Was dir bisher widerfahren ist, braucht Zeit. Nicht nur der Körper braucht neue Kraft, auch die Seele/der Geist muss sich erholen. Die Akzeptanz wirst du auch noch in Gänze meistern, Altes geht nicht mehr und Neues wird seinen Platz einnehmen.
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Gerade in schweren Zeiten helfen:
a) der Blick zurück und mir vor Augen halten, was ich schon geschafft habe
b) der Blick nach vorn und der Glaube, dass es gut wird
Und c) mit liebenden Augen auf dich selber blickst. ;)
Trüffel hat geschrieben:
Sa 6. Mär 2021, 21:12
Es ist manchmal wie in einer Art "Tunnel" oder felsigen Schlucht - vor einem ist eine Biegung; jetzt steht man im Dunkeln und man weiß noch nicht, was hinter der Biegung kommt. Aber ich vertraue darauf, dass mich hinter der Biegung etwas wunderbar Schönes erwartet. Es ist für mich also nicht eine Frage, was hinter der Biegung liegt, sondern wie lange es dauert, die Wegstrecke dieser Biegung zurückzulegen.
Hier kann ich mich nur wiederholen und benutze den Satz von oben erneut: Ich wünsche dir von Herzen, dass auch du bei Zeiten zurückschauen wirst und alles, was du derzeit erlebst, eine verblasste Erinnerung sein wird. Es ist im Nachhinein nicht wichtig, dasselbe Leben wie andere Homo sapiens in deinem Alter zu führen, sondern deinen eigenen Weg zu finden.

Gute Besserung und viel Kraft wünsche ich dir weiterhin,
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

Trüffel
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 466
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,
Mondkalb hat geschrieben:
So 7. Mär 2021, 15:49
geboren aus der Überzeugung heraus, dass alles danach besser wird, das Ganze vielleicht wieder in Normalität umschlägt, es wäre ein Träumchen.
Das ist ja auch irgendwie der Sinn einer Behandlung - egal ob medikamentös oder chirurgisch: als Patient erhofft man sich Besserung durch die Therapie und normalerweise trifft sie auch ein - es dauert halt manchmal etwas länger oder ist mit ein paar (mehr oder weniger langen) Umwegen verbunden. Apropos Therapie: Tatsächlich war ich mir der "Risiken und Nebenwirkungen" (wie es so schön heißt :lol: ) bei jeder OP voll und ganz bewusst - und mit meiner Unterschrift willige ich nicht nur in den Eingriff ein, sondern erkläre ja auch, dass ich aufgeklärt bin und ich weiß, was auf mich zukommen kann. Nur ist halt der Regelfall so, dass alles glatt läuft.
Mondkalb hat geschrieben:
So 7. Mär 2021, 15:49
ob ich Angst hab vor der OP, dass ich nicht mehr aufwache, ich sagte ihm, warum verrückt machen, es wird kommen, was passiert, dann kann ich mich doch lieber entspannt zurücklegen und alles auf mich zukommen lassen, die Zeit genießen soweit es geht, es hilft ja nicht hysterisch zu werden.
Wie wahr, wie wahr!
Erstaunlich, wie viele Menschen Angst vor einer OP (oder eigentlich vor der damit verbundenen Narkose) haben. Das find ich überhaupt nicht schlimm; ich hab viel eher Angst vor den Schmerzen danach...
...Wenn ist gewusst hätte, was alles kommen würde, hätte ich mich nur verrückt gemacht, wäre in Panik verfallen und hätte am Schluss vielleicht meine ganzen Kräfte vergeudet. Im Augenblick zu leben, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind bzw. kommen, hilft mir, die Kraft und Energie, die ich brauche, für mich aufzuwenden. "Schritt für Schritt" - das ist eine Art neues Motto von mir geworden. ;)

Ich merke, dass mir das Schreiben gut tut - Gedanken, die kommen, niederzuschreiben und damit auch loslassen zu können; ist irgendwie auch befreiend für mich.
Mondkalb hat geschrieben:
So 7. Mär 2021, 15:49
Das nicht wollen hört sich hart an und tut sicherlich den meisten unrecht.
Hm ja, das stimmt schon. Ich kann mir nicht erklären, warum in Kliniken/bei Behandlung/... einiges nicht so läuft, wie es eigentlich sein sollte - wahrscheinlich kommen da ganz viele Faktoren zusammen - zu knapp bemessene Zeit, nicht ausreichend Erfahrung ärztlicherseits, Patientenängste, finanzieller Druck,... Hab auch immer wieder das Gefühl, dass mein Chirurg mir eigentlich helfen will, aber es (aus irgendeinem Grund, den ich nicht eindeutig benennen kann) nicht oder nur bedingt kann; und immer wenn so ein Punkt erreicht ist, sucht er Abstand. Das war letztes Jahr so, war jetzt wieder so. Vielleicht auch eine Art "Selbstschutz" - ein früherer Gastro hat mir mal erzählt, wie schlimm es für ihn ist, wenn er seinen Patienten sagen muss, dass sie austherapiert sind und er keine Ahnung mehr hat, was man noch tun kann. Da geht er dann in eine Art Distanz zum Patienten, um die Sache nicht so sehr an sich selbst ranzulassen...
Vielleicht ist es hier ähnlich?

Heute war Kontrolltermin beim Chirurgen. Letzte Woche noch meinte er, mein Bauch "sieht ja wunderschön aus" und da bräuchte ich mir "überhaupt keine Sorgen machen". Anmerkung: er selbst hat den Bauch kein einziges Mal gesehen (außer in der OP).
Will er sich also meinen Bauch anschauen; ich ziehe den Pulli hoch: der Eiter ist grün und gelb unterm Pflaster hervorgequollen.
Noch schweigt der Arzt, dann zieht er das Pflaster ab. "Ja, um Himmels willen, das ist viel zu viel Eiter!"
Er starrt einige Sekunden lang den Bauch an.
"Macht es Ihnen was aus, wenn ich weiter aufschneide?"
Was soll es mir ausmachen? Aufschneiden ist nicht schön, aber wenn der Eiter sich im Bauch weiter ausbreitet, wird's noch ungemütlicher. Also wenn es der Schadensbegrenzung dient, dann bitte...
Und so ist jetzt ein neues Loch im Bauch.

Meine Mama, die mich am Krankenhauseingang abgeholt hat, war schockiert; ich weiß selbst nicht, wie ich die Minuten auf der "Schlachtbank" (so nennen wir die Behandlungsliege beim Chirurgen immer scherzhaft) überstanden habe. In solchen Momenten fahre ich innerlich immer ganz runter; nur noch atmen, von einem Schmerz zum nächsten einfach nur atmen. Atemzug für Atemzug, Stück für Stück. Und irgendwann ist es dann vorbei.
Mondkalb hat geschrieben:
So 7. Mär 2021, 15:49
Und c) mit liebenden Augen auf dich selber blickst.
Oh ja, das hab ich glatt vergessen!
Zurück, nach vorn und auf sich selbst - die "magische Drei". ;)
Mondkalb hat geschrieben:
So 7. Mär 2021, 15:49
Es ist im Nachhinein nicht wichtig, dasselbe Leben wie andere Homo sapiens in deinem Alter zu führen, sondern deinen eigenen Weg zu finden.
Auch hier kann ich dir nur zustimmen. Das ständige Vergleichen mit anderen macht nicht glücklich; jeder Mensch ist einzigartig und wunderbar kostbar, egal was er/sie kann/hat/leistet/ist. Manchmal tut es weh, aber das ist glaub ich ein Teil des Verarbeitens und Annehmens der Krankheit(sgeschichte) und ihren Folgen.
Mondkalb hat geschrieben:
So 7. Mär 2021, 15:49
Gute Besserung und viel Kraft wünsche ich dir weiterhin,
Ganz lieben Dank und herzliche Grüße!
Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind;
wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Trüffel
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 466
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

(möglichst) kurzer Zwischenbericht: bei der Sono-Kontrolle hat der Hausarzt festgestellt, dass zu viel freie Flüssigkeit im Bauch ist. Er hat mich gebeten, dass meinem Chirurgen mitzuteilen und der hat mich für morgen zu sich einbestellt.

Option a: Punktion und nach Hause (war neulich schon so, hat aber nichts geholfen)
Option b: Drainage legen und stationär (Drainage hat neulich nicht geklappt, weil: bin zu dünn und Perforationsgefahr zu groß; der Radiologe wollte es im CT machen, der Chirurg war dagegen)

Was mich so nervt, ist, dass der Chirurg sich in Widersprüchen verstrickt. Neulich war er gegen die Anlage einer Drainage. Vorhin am Telefon sagt er mir, dass es der Radiologe gewesen sei, der keine Drainage wollte... Ich fühle mich so veräppelt.
In meinem nächsten Leben werde ich selbst Arzt und dann mach ich es besser. :D :D :D :D

Jetzt also wieder hoffen und bangen. Weiß nicht, was schlimmer ist: Punktion oder Drainage. Die Vorstellung, dass schon wieder in meinem Bauch mit dicken Nadeln rumgestochen wird, finde ich nicht so toll. Aber die Flüssigkeit muss raus. Erhöhte Temperatur bzw. leichtes Fieber habe ich immer noch.

Mal schauen, ob es morgen nur ein Tagesausflug wird oder wieder eine Klinikzeit bevorsteht...
Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind;
wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Benutzeravatar
Mondkalb
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 430
Registriert: Fr 21. Dez 2012, 20:32
Diagnose: CU

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hey Trüffel,

was du heute geschrieben hast, kann wirklich nur nerven, wenn ich nicht schon so viel mit Ärzten erlebt hätte, würde ich sagen, so ein Widerspruch von einem Arzt kann ich mir nicht vorstellen. :x Aber leider kommt das immer wieder vor ...
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
- es dauert halt manchmal etwas länger oder ist mit ein paar (mehr oder weniger langen) Umwegen verbunden.
Der war gut, :lol: , ich habe gefühlt immer die Umwege genommen.
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
Tatsächlich war ich mir der "Risiken und Nebenwirkungen" (wie es so schön heißt) bei jeder OP voll und ganz bewusst - und mit meiner Unterschrift willige ich nicht nur in den Eingriff ein, sondern erkläre ja auch, dass ich aufgeklärt bin und ich weiß, was auf mich zukommen kann.
Das ist ein ganz bedeutender Satz von dir, den Risiken und Nebenwirkungen sollte man sich immer bewusst sein. Man tröstet sich damit, zu meinen, dass alles gut gehen wird - das mache ich ebenso, die Risiken verdränge ich - aber was, wenn es schief läuft?
Wie geht man dann damit um? Bei dieser Frage stehst du gerade und suchst deinen Weg!
Die Konsequenzen sind doch umfassend/einschneidend dadurch im Leben. Beruf, Karriere, Hobbys, Existenz, Partnersuche usw., aber auch wenn bei dir nicht alles glatt verlief, bin ich davon überzeugt, dass Du deinen Weg finden wirst!
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
ich hab viel eher Angst vor den Schmerzen danach...
Ich sage mir immer, nach drei Tagen geht es aufwärts, dann ist meistens das gröbste überstanden, so war es bisher immer bei mir, wenn ich operiert wurde. Diese Gedanken können sicherlich trügerisch daherkommen, aber sie helfen mir in dieser Situation. Wenn es bei mir mal schief laufen sollte, hoffe ich, ich nehme mir ein Beispiel an dir :oops: und behalte meinen Humor.
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
"Schritt für Schritt" - das ist eine Art neues Motto von mir geworden. ;)
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
Ich merke, dass mir das Schreiben gut tut - Gedanken, die kommen, niederzuschreiben und damit auch loslassen zu können; ist irgendwie auch befreiend für mich.
Dadurch meine ich die Stärke bei dir zu erkennen, du wandelst dich und arbeitest an dir, sonst wäre hier Stillstand. Wo ich damals hier im alten Forum aufgeschlagen bin, habe ich mir auch fast alles von der Seele geschrieben und ich pflichte dir bei, es ist befreiend. ;)
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
warum in Kliniken/bei Behandlung/... einiges nicht so läuft, wie es eigentlich sein sollte - wahrscheinlich kommen da ganz viele Faktoren zusammen -
Hier würde ich dir, bei den ganz viele Faktoren zustimmen, es hat sich viel gewandelt, nicht nur zum besseren.

Kleines Beispiel am Rande aus der Vergangenheit:

Als ich im Krankenhaus vor Ort eine Sigmoidoskopie zur Verlaufskontrolle hatte, konnte ich mich in ein Zimmer legen, die Gabe vom Einlauf erfolgte, 10 Minuten halten, danach den Darm entleeren und die Sigmoidoskopie fand statt.
Einige Zeit später gleicher Ort, ich wurde aufgerufen, der Pfleger kam und forderte mich auf, mit ihm aufs Gästeklo zu gehen, Hose runter, nach vorne beugen, die Hände an die Wand und ... :roll: das konnte er sich knicken, wir haben die Gabe dann zivilisiert in einem Behandlungsraum gemacht.
So wandeln sich die Abläufe über die Zeit!
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
"Selbstschutz"
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
Da geht er dann in eine Art Distanz zum Patienten, um die Sache nicht so sehr an sich selbst ranzulassen...
In dem Beruf ist Selbstschutz sicherlich etwas Wichtiges, um diesen ausüben zu können. Distanz von Nöten. Mache ich in meinem Beruf etwas defekt schweiß ich, ein falsch platziertes Stoma ist etwas mit Folgen für einen anderen Menschen. :(
Möchte ich als Arzt helfen und der Patient ist austherapiert, dann muss eine Distanz vorhanden sein, sonst zerbricht man eventuell irgendwann daran.
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
"Schlachtbank" (so nennen wir die Behandlungsliege beim Chirurgen immer scherzhaft)
Das Koloskop nenne ich immer die schwarze Mamba, so treiben wir alle unsere kleinen Scherze. :lol:
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
Oh ja, das hab ich glatt vergessen!
Zurück, nach vorn und auf sich selbst - die "magische Drei".
Dafür bin ich ja da, um dich daran zu erinnern! ;)
Trüffel hat geschrieben:
Mo 8. Mär 2021, 17:17
Das ständige Vergleichen mit anderen macht nicht glücklich;
Am Anfang war bei mir ein weißes Stück Papier, alles andere entwickelte sich dann mit der Zeit! Konzentrieren wir uns auf den Blick nach vorn und lassen die anderen ihr Ding machen, wir machen unseres.
Trüffel hat geschrieben:
Mi 10. Mär 2021, 19:22
In meinem nächsten Leben werde ich selbst Arzt und dann mach ich es besser.
Hört sich nach einem guten Plan an. :lol:
Trüffel hat geschrieben:
Mi 10. Mär 2021, 19:22
Mal schauen, ob es morgen nur ein Tagesausflug wird oder wieder eine Klinikzeit bevorsteht...
Dann hoffe und bange ich jetzt mal im Stillen mit, wenn möglich lass von dir hören, wie es dir ergangen ist.

Denke immer dran, wir halten weiterhin die Ohren steif und machen das Beste draus!

Liebe Grüße
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

Trüffel
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 466
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,

über deine Antworten freue ich mich immer sehr! Mir tut der Austausch so gut!
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 10. Mär 2021, 22:18
wenn ich nicht schon so viel mit Ärzten erlebt hätte, würde ich sagen, so ein Widerspruch von einem Arzt kann ich mir nicht vorstellen. Aber leider kommt das immer wieder vor ...
...die Liste über ärztliches Verhalten + Aussagen, worüber ich nur den Kopf schütteln kann, ist wieder einmal verlängert worden. Die letzten Tage waren abermals eine Achterbahnfahrt für Körper, Psyche und Nerven... Es sind Sachen passiert, die hält man nicht für möglich. :cry:
3 Ärzte machen Ultraschall - mit 4 verschiedenen Ergebnissen; ein Radiologe malträtiert meinen Bauch über 2 Stunden, um eine Drainage zu legen - trotz örtlicher Betäubung sind die Schmerzen so stark, dass ich nicht mal mehr weinen kann, sondern nur noch nach Luft schnappe; dann bricht er ab (Grund: ich bin zu dünn und die Gefahr ist zu groß, dass andere Organe verletzt werden); Drainage futsch, Bauch aua, dafür gibts eine Punktion.
Auf Station schaut kein Arzt nach mir. Erst als ich das Telefon in die Hand nehme und selbst bei den Chirurgen anrufe, kommt dann doch mal einer...
meine eiternden Abszesse und offenen Wunden erklärt der Chirurg mit den faszinierendsten Antworten, von denen jedoch keine einzige im medizinischen Sinn sinnvoll ist...
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 10. Mär 2021, 22:18
aber auch wenn bei dir nicht alles glatt verlief, bin ich davon überzeugt, dass Du deinen Weg finden wirst!
Darauf vertraue ich. Ich gebe die Hoffnung nicht verloren, dass es gut wird, zwar anders als früher, mit Hindernissen und Einschränkungen verbunden, aber ich vertraue ganz fest, dass es gut wird. Ich glaube einfach, dass es für jeden Menschen und damit auch für mich einen Sinn in diesem Leben gibt - und damit verbunden ist auch ein Weg, der für jeden individuell ist, nicht unbedingt immer geradlinig und einfach zu gehen, aber letztlich richtig und gut.
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 10. Mär 2021, 22:18
Ich sage mir immer, nach drei Tagen geht es aufwärts, dann ist meistens das gröbste überstanden, so war es bisher immer bei mir, wenn ich operiert wurde.
Ganz unabhängig davon, wie lang die schlimmsten postoperativen Tage dauern: allein das Bewusstsein, dass nach einem gewissen zeitlichen Abstand zur OP die Schmerzen erträglicher und der Zustand besser werden, hilft mir - ähnlich wie dir - in der Zeit der kritischen Phase nicht aufzugeben.

Was du von deinem Sigmo-Erlebnis schreibst, hat mich betroffen gemacht: Mir ist es sehr ähnlich widerfahren: mit der Schwester zur Toilette, Hände an die Wand und Klistier in den Po - meine Gefühle, die ich damals empfunden habe, kann ich gar nicht in Worte fassen. Ich habe die Befürchtung, dass wir zwei nicht die einzigen Patienten sind, die solches erleben/erlebt haben - und das macht mich grad einfach nur sehr traurig.
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 10. Mär 2021, 22:18
Denke immer dran, wir halten weiterhin die Ohren steif und machen das Beste draus!
Jup, weil aufgeben gibt's nicht! :D

...merke grad, dass die Kraft zum Schreiben kaum mehr da ist. Deswegen mach ich Schluss. Ich freu mich wie immer von dir zu lesen.
Mal schauen, was die nächsten Tage so bringen.

Fürs erste liebe Grüße!
Trüffel
Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind;
wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Benutzeravatar
Mondkalb
könnte auch hier einziehen
Beiträge: 430
Registriert: Fr 21. Dez 2012, 20:32
Diagnose: CU

Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

gebannt habe ich die letzten Tage immer ins Forum geschaut und heute festgestellt, das du geschrieben hast, Erleichterung macht sich bei mir breit.
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
Mal schauen, was die nächsten Tage so bringen.
Ich melde mich bis spätestens Donnerstag bei dir! ;)

Liebe Grüße
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

Antworten