Psyche fährt Achterbahn

Psychologischen Aspekte im Zusammenhang mit CED.
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Mondkalb
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

der Austausch mit dir bereitet mir auch sehr viel Freude!
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
Mir tut der Austausch so gut!
Wenn ich hier Sitze und dir schreibe, hoffe ich immer, dass ich dir ein bisschen helfen kann, wie wenig ich dies vermark habe ich vor Augen, von daher freut mich deine Aussage sehr, zeigt sie mir doch wieder auf, wie wichtig es allein schon in dieser Situation ist, seine Gedanken teilen zu können.
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
Auf Station schaut kein Arzt nach mir. Erst als ich das Telefon in die Hand nehme und selbst bei den Chirurgen anrufe, kommt dann doch mal einer...
Gerade bei diesem Krankheitsbild mit diesem Verlauf ist es doch das mindeste, das ein Gespräch als Austausch zwischen Arzt und Patient stattfindet. Hat die Punktierung wenigstens den gewünschten Erfolg gebracht?
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
Ich glaube einfach, dass es für jeden Menschen und damit auch für mich einen Sinn in diesem Leben gibt - und damit verbunden ist auch ein Weg, der für jeden individuell ist, nicht unbedingt immer geradlinig und einfach zu gehen,...
Nicht immer ist ein Sinn im Leben zu erkennen bei dem, was das Leben für jemanden bereit hält. Entgegen seinen eigenen Vorstellungen, sich zu bewegen und den Blick nach vorn nicht zu verlieren, in den Momenten der Trostlosigkeit Bedarf viel Kraft.
Ich hatte dir in der Vergangenheit schon geschrieben, dass auch mein Leben nicht immer geradlinig und einfach verlaufen ist, aber das wird bei den wenigsten Erdenbürgern der Fall sein.
Der Gedanke von dir, neulich mit der Klinikseelsorge finde ich sehr schön.
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
...aber letztlich richtig und gut.
Der Weg, der sich letztlich richtig und gut anfühlt, kann aber auch sehr beschwerlich werden.
Schon bin ich wieder bei der Klinikseelsorge, hört sich für mich richtig und auch gut an, vor allem aber auch sinnstiftend und doch, denke ich, wird dies kein einfaches Berufsbild sein.
Du bist ein gläubiger Mensch, kannst dich sicherlich einfühlen in Menschen und ihnen Trost und Beistand geben. Würdest du diesen Weg in Zukunft einschlagen wollen? Oder war es eher nur eine Momentaufnahme von dir?
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
Was du von deinem Sigmo-Erlebnis schreibst, hat mich betroffen gemacht:
Das, was mich eigentlich dabei störte, war, dass ein durchgängiger Zugang während des Haltens des Klistier zu einem Abort nicht gegeben war. Der Rahmen einer Untersuchung sollte sich nicht dahingehend entwickeln, das die Patienten Abscheu vor der Untersuchung empfinden.
Eigentlich bin ich sehr unempfindlich geworden, meine Scham habe ich über die Jahre hinweg abgelegt.
Habe auch schon erlebt, dass während einer Koloskopie die "schwarze Mamba" fast bis zur rechten Flexur vorgedrungen war, durch einen Notfall wurde das Koloskop im Eilgang herausgezogen, das Team lief aus dem Raum heraus und ich lag da und dachte nur Shit Happens.
Kurze Zeit später kam das Team zurück, entschuldigte sich und die Untersuchung begann erneut.
Von daher sehe ich vieles nicht so streng, aber irgendwann ist dann aber auch mal Schluß mit lustig.
Trüffel hat geschrieben:
Di 16. Mär 2021, 11:51
Jup, weil aufgeben gibt's nicht! :D
Richtig, den, wer aufgibt, hat schon verloren. (5 € ins Kanaren Phrasenschwein dafür) :lol:

Liebe Grüße und ausreichend Geduld wünsche ich dir,
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

Trüffel
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 17. Mär 2021, 22:13
Wenn ich hier Sitze und dir schreibe, hoffe ich immer, dass ich dir ein bisschen helfen kann, wie wenig ich dies vermark habe ich vor Augen, von daher freut mich deine Aussage sehr, zeigt sie mir doch wieder auf, wie wichtig es allein schon in dieser Situation ist, seine Gedanken teilen zu können.
Allein der Austausch, das Schreiben und Verstanden-Werden ist, finde ich, schon eine Hilfe! Besonders Letzteres ist für mich momentan echt wichtig, weil sich derzeit die schlechten Erfahrungen mit Ärzten dermaßen häufen, dass sich das Gefühl immer mehr verstärkt, nicht ernst genommen zu werden...
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 17. Mär 2021, 22:13
Hat die Punktierung wenigstens den gewünschten Erfolg gebracht?
Jein - sagen wir, es war ein Teilerfolg. Also es ist gut, dass ein Teil der Flüssigkeit nun draußen ist, leider ist immer noch zu viel Flüssigkeit drinnen. Mein Körper schafft es irgendwie nicht, das Zeug loszuwerden. Umbringen wird es mich wohl nicht, aber es ist halt immens anstrengend, wenn der Körper permanent gegen irgendwas kämpfen muss.
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 17. Mär 2021, 22:13
Würdest du diesen Weg in Zukunft einschlagen wollen? Oder war es eher nur eine Momentaufnahme von dir?
Tatsächlich würde ich es nicht nur als Momentaufnahme beschreiben; ich spüre es vielmehr als eine Berufung.
Durch meine Familie war ich von Kindesbeinen an in der kirchl. Gemeinde eingebunden, aber erst durch die Krankheit ist der Glaube für mich in einer existentiellen Form wichtig geworden; früher war es eher ein oberflächlicher Glaube, jetzt ist es das, was mich trägt.
Faszinierend finde ich, welch tiefe Gespräche sich mit zum Teil völlig fremden Menschen ergeben, und ich erlebe immer wieder positive Bestärkungen für eine spätere Tätigkeit in der Seelsorge.
Wohin mich mein Weg letztlich führen wird, wird sich zeigen. Die Richtung in die Seelsorge ist eine Option, die ich mir ernsthaft vorstellen kann und wofür ich viele bestärkende Rückmeldungen erhalte. Da das Leben bekanntlich nicht planbar ist, geh ich es ganz ruhig an. Bis zur Seelsorge liegt noch ein längerer Weg vor mir, vielleicht ist das auch erstmal nur eine "Zwischenetappe" - mal schauen; bis dahin kann die Berufung weiter wachsen und tiefer Wurzeln schlagen.
Ich hoffe, dass ich trotz Krankheit, Klinikaufenthalten und OPs im Sommer mein Praktikum in der Klinikseelsorge machen kann; vorgesehen sind eigentlich 40 Wochenstunden über 8 Wochen; mein Körper schafft nicht mehr als 10 Stunden in der Woche - da muss ich mit meiner Ausbildungsleitung sprechen, wie wir das regeln können. Vllt ist eine Sonderregelung möglich. Aber bis dahin ist noch Zeit.
Vorerst stehen weitere große Baustellen an...
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 17. Mär 2021, 22:13
Von daher sehe ich vieles nicht so streng, aber irgendwann ist dann aber auch mal Schluß mit lustig.
Ich bin tatsächlich entspannter und lockerer als früher, toleriere zum Teil wesentlich mehr, aber wenn dann mal ein Punkt überschritten ist, ist wirklich Schluss mit lustig.

Ich finde es so faszinierend, wie das Leben so seinen ganz eigenen Weg geht... Ich hätte so gerne meine Ausbildung abgeschlossen und weiter im OP gearbeitet. Die Arbeit mit den Patienten hat mir sehr viel Freude bereitet. Dass ich dem Beruf gesundheitlich nicht weiter nachgehen kann, macht mich oft schon ziemlich traurig, aber auch wenn es jetzt nicht mehr geht, bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit machen durfte, denn durch das Wissen um die Abläufe im Gesundheitssystem habe ich mehr Verständnis entwickelt und weiß auch um den ein oder anderen Kniff, wenn es (wieder mal) irgendwelche Probleme gibt, durch das medizinische Wissen kann ich mich selbst in die ein oder andere Materie tiefer einarbeiten, mich auf Arztgespräche auch mal gezielt vorbereiten und meine Eltern beruhigen, wenn sie vom Fachchargon in meinen Arztbriefen "erschlagen" werden.
Ich fand es während der Tätigkeit im Endo, Labor und OP manchmal sehr traurig, wie wenig Zeit wir eigentlich für den einzelnen Patienten haben, und ich habe gerade bei alten, schwer kranken oder einsamen Patienten gemerkt, wie wichtig es ist, dass sich jemand einfach mal Zeit nimmt, ihnen wirklich zuhört und ihre Fragen, Sorgen, Ängste und das, was sie beschäftigt, mit aushält. - Als medizinisches Personal kann ich mir aber genau das nicht leisten.
Und auch das ist ein Grund, warum ich in die Klinikseelsorge möchte, weil ich hier wirklich Zeit für den Patienten mitbringen und ganz für ihn da sein kann - um ihm zuzuhören, mit ihm zu reden, zu schweigen, zu weinen und zu lachen, zu beten, zu (hinter)fragen, auszuhalten...
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 17. Mär 2021, 22:13
Richtig, den, wer aufgibt, hat schon verloren.
Wir werden niemals aufgeben - dafür haben wir schon viel zu viel geschafft! :D

Heute war wieder mal so ein totaler Katastrophentag. Habe erfahren, dass wieder ein Klinikaufenthalt ansteht - innerhalb von drei Monaten der fünfte... Meine Oma ruft täglich bei uns zuhause an und ihr erster Satz ist: "Ist euer Sorgenkind noch zuhause oder schon wieder im Krankenhaus?"
Bis zur nächsten stationären Aufnahme sind noch ein paar Tage hin; mal schauen, was sich bis dahin zwischen Pflegedienst und Notaufnahme alles ereignet.

Herzliche Grüße!
Trüffel

P.S.: Und noch einen positiven Aspekt hat meine Ausbildungserfahrung in OP und Co.: Bei meinem letzten stationären Aufenthalt wurde ich buchstäblich links liegen gelassen und am "Arsch der Welt" abgestellt - es wurde sogar (mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit absichtlich) vergessen, meine Infusionsnadel zu ziehen. Das hab ich dann kurzerhand einfach selbst gemacht. ;) Der Ausbildung sei Dank!
Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind;
wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.

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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hey Trüffel,

auch wenn es mal etwas dauert, bis ich mich melde, möchte ich DIR helfen und zuhören so gut ich es vermark.
Trüffel hat geschrieben:
Do 18. Mär 2021, 22:22
Allein der Austausch, das Schreiben und Verstanden-Werden ist, finde ich, schon eine Hilfe! Besonders Letzteres ist für mich momentan echt wichtig, weil sich derzeit die schlechten Erfahrungen mit Ärzten dermaßen häufen, dass sich das Gefühl immer mehr verstärkt, nicht ernst genommen zu werden...
Dieses nicht verstanden werden von den Ärzten, war letztendlich bei mir auch der Auslöser dafür, dass mein Verlauf den Weg über die Psychotherapie genommen hat. Von daher kann ich dein Gefühl sehr gut nach empfinden.
Bei mir war der Verlauf der Cu (?) immer ein auf und ab. 2010 fand ich die Idee gut, eine Reha zu beantragen und hier führte mich der Weg nach Bad Driburg.
Als ich in Bad Driburg, im Oktober 2010, zur Reha war, hatte ich der Ärztin erzählt, das bei mir nicht immer Blut erkennbar ist. Sie sagte, das wäre Blödsinn, bei einer CU wäre immer Blut dabei. Der Patient hat die Erwartungen hier wohl nicht erfüllt. Die folgenden fünf Stuhlproben ergaben, dass ich die Wahrheit sprach. Die Psyche war hier noch soweit intakt - Habe ich sogar schriftlich.

Zu dieser Zeit wurde eine Koloskopie durchgeführt, die deutliche Aktivitätszeichen im Mastdarm, vereinzelt auch im Sigma als Befund hervorbrachte. Die mitgebrachte Therapieempfehlung von der Reha hat meine damalige Ärztin nicht für nötig gehalten. Mein Verlauf verschlechterte sich und sie nahm es nicht wahr, ich habe ihr versucht zu sagen: Die Angst ist groß, der Schub ist da, das Klo ein stetiger Begleiter, es pumpt im Arsch, bin nicht mehr heiter, ich renne zum Klo, dort geht mein Leben weiter. :cry:

Am 18.04.2011 war ich bei einem Gastro der eine auffällige Psychostruktur mit Depression feststellte und eben kaum Entzündungsparameter. Die Sonografie brachte Darmschlingen mit verdickter Schleimhaut hervor. Die Beurteilung war eine Linksseitencolitis, wie der Patient berichtet.
Als THERAPEUTIKA empfahl er zusätzlich Mhyrrhinil intest und Weihrauchpräparate. :?

Am Nachmittag befand ich mich dann auf der Couch zur psychotherapeutischen Behandlung, um herauszubekommen, wie ich mich bei den Ärzten verständigen kann, warum die mich nicht ernst nehmen. Langsam entstand immer mehr der Nährboden für Life hates you!

Was von nun an folgte, hatte etwas von: Und ewig grüßt das Murmeltier!
Trüffel hat geschrieben:
Do 18. Mär 2021, 22:22
... ich spüre es vielmehr als eine Berufung.
Besser geht kaum, das ist ein hervorragendes Fundament, um beruflich etwas aufzubauen.
Trüffel hat geschrieben:
Do 18. Mär 2021, 22:22
... jetzt ist es das, was mich trägt.
Dass dich der Glaube trägt, ist eine schöne Botschaft.
Trüffel hat geschrieben:
Do 18. Mär 2021, 22:22
Da das Leben bekanntlich nicht planbar ist, geh ich es ganz ruhig an.
Zum Glück gibt es immer ein paar Stellschrauben, an denen es sich rumschrauben lässt, was letzten Endes dabei heraus kommt, erfahren wir wie immer erst rückblickend.
Manchmal hindert auch eine bremsende Verantwortung, die wir aufgebürdet bekommen ...

Pass gut auf DICH auf!

Liebe Grüße,
Mondkalb
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

aus dem großen Sturm des vergangenen Jahres in meinem Leben, der über mich hinwegfegte, ist nur noch ein laues Lüftchen geblieben, kleine Ausläufer kommen hier und da noch zum Vorschein, von mir aus könnte es jetzt so bleiben.

Zeit findet sich nun wieder, um zu lesen, merke aber in der vergangenen Woche wollte mir dies nicht so recht gelingen.
Mit meinen Gedanken schweife ich immer wieder ab, merke das ich mir Sorgen um dich mache.

Lass von dir hören!

Liebe Grüße,
Mondkalb
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,

eigentlich wollte ich mich schon länger bei dir melden, allerdings geht's mir gesundheitlich mehr als bescheiden, kann vor Schmerzen und Erschöpfung kaum die Augen offen halten, fühle mich hundeelend und weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte(n kann).

Du hattest von deinem Weg über die Psychotherapie geschrieben. Versteh ich das richtig, dass dies für dich ein guter Weg war, der dir letztlich geholfen hat?
Für mich ist es eine unglaubliche Belastung, zusätzlich zur Krankheit mit dem Unverständnis und der Inkompetenz der Ärzte konfrontiert zu werden. Wie die sich z.T. verhalten könnte man echt meinen, ich bin nur aus Spaß krank, weil ich ja sonst keine Hobbies habe. Dass ich eigentlich (m)ein Leben leben will, scheinen sie nicht zu verstehen...
Meine Laparotomienaht platzt Stück für Stück immer weiter auf... Zusätzlich hab ich immer noch meine peristomale Ulzeration. Das Ding ist so schmerzhaft und wird zu meinem Leidwesen von Woche zu Woche größer. Dadurch dass die Wunde inzwischen schon so groß ist und das Stoma gleichzeitig so nah an der Laparotomienaht, kann ich den Beutel kaum noch draufkleben...

Aber aufgeben ist nach wie vor keine Option für mich. Deswegen weiter Zähne zusammenbeißen und nach vorne schauen. ;)

Sei lieb gegrüßt!
Trüffel
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

da bin ich aber froh von dir zu lesen, auch wenn dein Niedergeschriebenes nicht so gut klingt, bin aber jetzt etwas beruhigter.
Trüffel hat geschrieben:
Di 6. Apr 2021, 16:23
Du hattest von deinem Weg über die Psychotherapie geschrieben. Versteh ich das richtig, dass dies für dich ein guter Weg war, der dir letztlich geholfen hat?
Wenn ich meine Vergangenheit Revue passieren lasse, dann ist die Psychotherapie ein zweischneidiges Schwert gewesen, ihre Hilfe in diesem Moment, wo ich damals aus der Praxis kam überlebenswichtig, über die gesamte Zeit, was sie als Hilfe brachte, für mich aber nicht richtig messbar.
Ich schreibe die Tage noch mal dazu, benötige da etwas Zeit.

Bin jetzt erst mal happy von dir gelesen zuhaben und freue mich auf den weiteren Austausch mit dir.

Wünsche dir weiterhin viel Kraft,
Mondkalb
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,
Mondkalb hat geschrieben:
Di 6. Apr 2021, 18:17
Wenn ich meine Vergangenheit Revue passieren lasse, dann ist die Psychotherapie ein zweischneidiges Schwert gewesen, ihre Hilfe in diesem Moment, wo ich damals aus der Praxis kam überlebenswichtig, über die gesamte Zeit, was sie als Hilfe brachte, für mich aber nicht richtig messbar.
Ich schreibe die Tage noch mal dazu, benötige da etwas Zeit.
Nimm dir die Zeit, die du brauchst! Ich schaffe es ja auch nicht immer gleich und auf der Stelle zu antworten. ;)

Fühle mich grad ziemlich down. Seit Monaten habe ich durchgängig leichtes Fieber, die peristomale Wunde wird von Woche zu Woche größer und die Laparotomienaht will auch nicht heilen. Die Medikamente, die ich verschrieben bekomme, dröhnen mich so weg, dass sich die Decke dreht. :?
Und was mich am meisten nervt: die Ärzte nehmen es nicht ernst, dass es mir a) miserabel geht und b) die Medis mich langsam aber sicher umbringen. Reicht es nicht, dass man als Patient mit seinen Krankheiten genug zu tun hat? Muss da auch noch der Ärger mit den Ärzten dazukommen?

Zum Glück habe ich eine liebevolle Familie, bei der ich mich ausheulen kann. Manchmal sind Tränen so befreiend.

Liebe Grüße und ich freue mich, von dir zu lesen!
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

als ich damals das Sulfasalazin vom Rheumatologen bekommen habe, im Austausch für das Mesalazin, hat es mich auch nieder gestreckt, war nur noch müde. Hatte mir ein kleines Plätzchen in der Arbeit gesucht und einen Kollegen gebeten, mich zu wecken, wenn irgendwer wichtiges vorbei kommt, war damals nur noch wie weggetreten.
Habe es damals schnell wieder abgesetzt. Dem Rheumatologen hatte ich erzählt, dass ich arg Gelenkprobleme habe, war auch so ein Fall für sich das ganze.
Trüffel hat geschrieben:
Mi 7. Apr 2021, 14:08
Muss da auch noch der Ärger mit den Ärzten dazukommen?
Hatte ihm erklärt, dass ich Gelenkprobleme habe und den Zusammenhang mit den Medikamenten sehe, er hatte mich begutachtet, Blutwerte genommen und neuen Termin vereinbart.
Neuen Termin wahrgenommen, werde aufgerufen, komme beim Arzt ins Zimmer und erfahre, ich hätte Schuppenflechte, ich sagte, was Schuppenflechte? Der Arzt fragte: Haben sie nicht? Ich antwortete: Ich erfahre es gerade und bin verwundert. Arzt fragte: Was haben sie denn? Ich antwortete Colitis ulcerosa. Arzt: Ach, sie waren das!

Gibt viele so kleine Geschichten, die mich heute schmunzeln lassen, damals brauchte ich die Psychologin um damit klar zukommen. :lol:

Wir machen schon was mit, könnte direkt ein kleines Buch schreiben!

Liebe Grüße,
Mondkalb
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Trüffel »

Hallo Mondkalb,

na, bei den Erfahrungen, die du schilderst, kann man nur den Kopf schütteln.

Bei den letzten stationären Aufenthalten (das neue Jahr war noch keine 3 Monate alt und es war schon der fünfte - ich verbringe, statistisch gesehen, mehr Tage im KH als zuhause... höchste Zeit, dass sich das ändert! :D ) hat man mich auf andere Stationen umquartiert. Geplante Zielstation wäre eigentlich die Chirurgie gewesen, letztlich lag ich dann auf der Inneren, bei den Lungenkranken und sonst wo.
Man sagte mir, dass es nicht anders ginge, weil die geplante Zielstation bereits voll belegt sei. An und für sich kein Problem für mich - das scheint doch ein vernünftiges Argument zu sein und solange ein Arzt nach mir schaut, ist alles ok.
Fakt war dann aber: Noch auf dem Weg zur Ersatzstation sind mir etliche Patienten begegnet, die alle neu aufgenommen wurden oder demnächst werden sollten und für die merkwürdigerweise ein Platz auf meiner geplanten Zielstation frei war. - Gut, es mag Gründe geben, warum man sie nicht auslagern konnte/wollte/... Das ist für mich noch zu verkraften.
Der Hammer war dann, dass letztlich kein Arzt nach mir geschaut hat. Da ich einen offenen Bauch habe, der täglich versorgt werden muss, hab ich das Pflegepersonal freundlich darauf hingewiesen, dass sie doch bitte einen diensthabenden Chirurgen davon in Kenntnis setzen mögen, dass ich hier liege und einen Verbandswechsel benötige. Passiert ist nichts. Als der Eiter nur noch aus dem Bauch quoll, hab ich schließlich das Telefon zur Hand genommen und selbst bei entsprechender Station angerufen. Und nach viel Geduld kam dann letztlich auch ein Arzt. :roll:
...und das ist leider nur die harmlose Spitze des Eisbergs.

Irgendwann werde ich drüber lachen können, aber derzeit ist es einfach nur zum Heulen.

Wobei... worüber wir jetzt schon lachen: zu meinem eitrigen Abszess am Bauch sagt der Chirurg eiskalt: "Das ist Corona. Sie haben Corona und deshalb den Abszess am Bauch." - Als ich es meiner Familie erzählt hab, hatte ich mich von dem ersten Schock über so viel medizinische Blödheit erholt. Und am Ende meines Berichts waren wir uns einig: Ich hab Corona und alle in meiner Familie bekommen nun wegen mir (Corona ist ja schließlich ansteckend) äußerst schmerzhafte eitrige Abszesse am Bauch. - Und siehe da, bis heute hat kein anderer außer mir solche "Corona-Abszesse". Warum nur?? :lol:
Mondkalb hat geschrieben:
Mi 7. Apr 2021, 19:24
Wir machen schon was mit, könnte direkt ein kleines Buch schreiben!
Da können wir uns zusammentun, wird bestimmt ein Bestseller! :D

LG Trüffel
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Re: Psyche fährt Achterbahn

Beitrag von Mondkalb »

Hallo Trüffel,

jetzt habe ich mir zu deiner Frage vom 06.04.2021 Gedanken gemacht und kann heute darauf Antworten.

Aber erst mal hierzu!
Trüffel hat geschrieben:
Do 8. Apr 2021, 10:35
Irgendwann werde ich drüber lachen können, aber derzeit ist es einfach nur zum Heulen.
Dies ist für mich sehr wichtig gewesen, aufzuzeigen, dass im Nachhinein, auch wenn es in der damaligen Situation das Fass zum überlaufen gebracht hat, es heute auch kleine Geschichten von damals zum Schmunzeln gibt. Damals eher undenkbar und heute geht dies wieder! Langfristig wird es dir hoffentlich auch so gehen, bist ja irgendwie auch schon dabei, alles mit Humor zu verarbeiten. ;)
Trüffel hat geschrieben:
Di 6. Apr 2021, 16:23
Du hattest von deinem Weg über die Psychotherapie geschrieben. Versteh ich das richtig, dass dies für dich ein guter Weg war, der dir letztlich geholfen hat?
Für mich ist es eine unglaubliche Belastung, zusätzlich zur Krankheit mit dem Unverständnis und der Inkompetenz der Ärzte konfrontiert zu werden.
Die Psychotherapie hat mir sehr geholfen, um Druck abzulassen, mein Umfeld somit etwas zu schonen. Aber auch die Therapeutin konnte meine Situation nicht nachempfinden, wie ich gemerkt hatte, woher auch?
Die Schlussfolge ist eigentlich der kranke Patient geht zum Arzt und ihm wird geholfen! :o Mein Verlangen war damals, mich über die Ärzte auszukotzen und zu hinterfragen, warum die mich nicht wahrnehmen, mir nicht Helfen.

Über den Rheumatologen habe ich mich damals geärgert über den Gastro im Klinikum, der mir sagte, er würde mir mit Rat zur Seite stehen und als es so weit war mich fragte, wie ich mir das Vorstellen würde, er arbeitet im Klinikum, da hätte er keine Zeit für so was, habe ihm gesagt, dann soll er mir so was auch nicht anbieten. Nach der Koloskopie bekam ich einen Arztbrief, aber keine Auskunft, wie weiter vorzugehen ist.

Hatte einen Antrag auf Rehabilitation gestellt, der abgelehnt wurde, Widerspruch eingereicht, der einen Gutachter zufolge hatte, dieser meinte, ich bräuchte nicht weg, ich ihm gesagt, dass es so nicht weiter gehen kann, vor Ort fände ich keine Hilfe, der Gutachter meinte ich bräuchte ihm nicht meine Lebensgeschichte zu erzählen, ich meinte, das mache ich, damit er die Zusammenhänge verstehen kann, mir bleibt nichts anderes übrig, wenn er mich nicht wegschickt bleibe ich solange hier bei ihm an diesem Tag sitzen, bis er die Reha genehmigt.
Darauf folgte die Aussage, er unterstützt eine Reha. Rehaträger hat die Reha verweigert, ein Anruf ergab, ich wäre beim Gutachter gewesen und dieser hätte sie wohl nicht befürwortet, Blick in die Akte erbrachte, dass der Gutachter befürwortet hat, aber hier wiederum der medizinische Dienst des Trägers abgelehnt hätte, Einspruch eingelegt und eine Reha bekommen.

Ich könnte noch Stunden schreiben und Material für unseren Bestseller zusammenstellen. :lol:

Ich brauchte hier unbedingt jemanden, der mir zuhörte und von daher war die Psychotherapie schon gut, auch wegen der Existenzsorgen, den damit verbundenen Zukunftsängsten.

Es gab Sitzungen, wonach ich mich wie neu geboren fühlte und auch Tage, wo die Gedanken in die Richtung gingen, was mache ich da eigentlich, verschwendete Lebenszeit.
Trüffel hat geschrieben:
Di 6. Apr 2021, 16:23
Dass ich eigentlich (m)ein Leben leben will, scheinen sie nicht zu verstehen...
Das ist eigentlich alles, was wir möchten, unser Leben leben. Bei der Psychotherapie wurde auch in die Vergangenheit geschaut, was mich nicht weiter gebracht hat. Die Geschichte war geschrieben, ist nicht alles gelaufen wie im Bilderbuch, musste von jetzt auf gleich meine Unbeschwertheit ablegen und habe Verantwortung übernommen. Hätte anders laufen müssen, ist es aber nicht und von daher Deckel drauf. Das waren die Momente, wo ich die Zeit dort nicht als nützlich angesehen habe.

Wie geschrieben, die Psychotherapie hat zwei Seiten für mich gehabt, letztendlich den ultimativen Tipp im Umgang mit Ärzten ist sie mir aber schuldig geblieben! Was mir sehr geholfen hatte, war die immer wiederkehrende Aussage, dass sie merkt, wie ich an mir arbeite, was wiederum mir signalisierte es herrscht kein Stillstand, es tut sich was.

Nichtsdestotrotz, der Gastro in Rinteln und mein jetziger zeigen auf, es gibt auch Ärzte, bei denen man sich gut aufgehoben fühlt. Die Kunst ist halt, man muss sie erst einmal finden!
Trüffel hat geschrieben:
Do 8. Apr 2021, 10:35
Als der Eiter nur noch aus dem Bauch quoll, hab ich schließlich das Telefon zur Hand genommen und selbst bei entsprechender Station angerufen. Und nach viel Geduld kam dann letztlich auch ein Arzt.
Wir sind verdammt dazu, auf uns selbst zu achten, von daher pass gut auf dich auf und bleib, wie du bist.

Und wieder heißt es, den Blick liebevoll auf sich selbst und nach vorne richten. Ist nicht meiner, den habe ich von dir! :lol:

Ganz liebe Grüße, Geduld und Kraft wünscht dir
Mondkalb
“Wenn man nicht weiß, wo man hin will, kommt man meistens woanders raus!”

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