Psychotherapie und Berufswelt

Psychologischen Aspekte im Zusammenhang mit CED.

Psychotherapie und Berufswelt

Beitragvon Trüffel » Fr 16. Jun 2017, 12:18

Hallo an alle!

Ich bin noch ziemlich neu hier und habe mich vor einiger Zeit mal zwecks Erfahrungen mit Humira erkundigt. Bisher ist leider immer noch keine Besserung eingetreten. Mein behandelnder Gastro will die Therapie abbrechen und eine neue beginnen. Bleibt zu hoffen, dass Präparat Nr. 9 wirkt...

Über die vielen Monate hinweg ist meine Psyche leider ziemlich angekratzt. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob das Nebenwirkungen der Medikamente (Prednisolon, Remicade, Humira...) sind oder mich der bisher ausgebliebene Therapieerfolg belastet. Von lieben Mitmenschen bin ich darauf angesprochen worden, einen Psychologen aufzusuchen. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, aber allmählich überlege ich mir wirklich, mich in Behandlung zu begeben und einen Psychotherapeuten aufzusuchen.
Allerdings habe ich Sorgen hinsichtlich der Berufswelt. Bisher habe ich Lehramt studiert (jetzt im 5. Semester, also Halbzeit). Als angehender Referendar muss man sich ja einer dienstärztlichen Untersuchung unterziehen - eine Psychotherapie wirkt sich, wie man mir an der Uni erzählt hat, nicht gerade positiv auf eine Anstellung/Verbeamtung aus. Ich überlege zur Zeit auch, mich beruflich neu zu orientieren: in der Selbsthilfegruppe ist mir von einem Lehrerberuf abgeraten worden - zu stressig für eine CED; die bisherigen Praktika waren zwar wunderschön, aber seit ich an MC leide, war das Schulpraktikum die Hölle: weder Seminar- noch Betreuungslehrer haben Verständnis gezeigt: wie wird das dann erst im Ref, wo es (im Gegensatz zu einem unbenoteten Praktikum) um etwas geht?!

Frage(n) hinsichtlich einer Bewerbung/Vorstellungsgespräch etc.: Muss ich meinem Arbeitgeber von einer psychotherapeutischen Behandlung erzählen? Muss ich das auch bei einer dienstärztlichen Untersuchung fürs Ref sagen - oder schneide ich mir durch Verschweigen eher ins eigene Fleisch?
Wie geht ihr mit eurer Erkrankung beim Arbeitgeber um, besonders auch hinsichtlich einer psychologischen Betreuung?

Ich hoffe, ich bin hier mit meinem Anliegen an der richtigen Stelle. Vielleicht gibt es ja auch schon einen Beitrag zu ähnlichen Fragen und ich habe ihn nur noch nicht ausfindig machen können... Auf jeden Fall freue ich mich über hilfreiche Rückmeldungen!

Viele Grüße
Trüffel
Trüffel
beginnt sich einzuleben
 
Beiträge: 5
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psychotherapie und Berufswelt

Beitragvon Carmen » Sa 17. Jun 2017, 11:52

Hallo Trüffel,

ich kann nicht zu allen Deinen Fragen etwas sagen, aber vielleicht doch einige Gedankenanstöße geben.

Bezüglich der Problematik Psychotherapie/Verbeamtung würde ich weitere Informationen einholen, inwieweit das, was man sich erzählt, auch stimmt. Wenn es richtig ist: Es geht Dir schlecht - und zwar so schlecht, dass Du psychotherapeutische Begleitung als sinnvoll empfindest. Wenn Du nicht reagierst, ist z.B. eine fortschreitende Depression als psychische Erkrankung später vielleicht ein größeres Problem (für Dich selbst, die Arbeitsfähigkeit und für die Verbeamtung) als eine Psychotherapie zur Unterstützung in einer sehr belastenden Lebenssituation.

Zum Rat Deiner Selbsthilfegruppe, dass Lehrer zu stressig sei für eine CED: Generell ist Stress sicher nicht förderlich. Ein stressarmer, "CED-vernüftiger" Job, der Dir nicht gefällt, aber auch nicht. Ich selbst arbeite im Rettungsdienst - Schichtdienst, Nachtdienst, unregelmäßige Pausen, körperliche Belastungen, abrupter Wechsel zwischen Ruhe und Höchstleistung. Es ist kein Beruf, den ich bei CED ernsthaft anderen empfehlen könnte. Aber der Weg wurde beschritten, bevor ich von der CED wusste - und dieser Beruf ist mir sehr wichtig. Und so habe ich trotz sehr unruhiger Phasen des MC Lösungen gefunden, zur Sicherheit ein zweites Standbein aufgebaut, bei dem ich körperlich weniger fit sein muss. Prüfe für Dich, welche positiven Aspekte der Lehrberuf für Dich bringt, wie Du die Anforderungen der Ausbildung bewältigen kannst, in welchen Feldern Du mit dem Lehramtsstudium später tätig sein kannst - und ob es Dir die Sache wert ist, es zu versuchen. Bedenke auch, dass Du noch nicht am Ende der Behandlungsmöglichkeiten angekommen bist. Nach mehreren harten Jahren, in denen ich auch nicht mehr an eine Besserung geglaubt habe, bin ich nun dank passender medikamentöser Therapie in Remission und durch den MC nur noch wenig beeinträchtigt. Vielleicht legst Du das Studium auch erstmal auf Eis, bis es Dir besser geht, statt Dich vom bisherigen beruflichen Weg abzuwenden.

Viele Grüße
Carmen
Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. (Johann Wolfgang von Goethe)
Benutzeravatar
Carmen
ModeratorIn
 
Beiträge: 1025
Registriert: Do 20. Dez 2012, 21:32
Diagnose: Morbus Crohn

Re: Psychotherapie und Berufswelt

Beitragvon Trüffel » Sa 17. Jun 2017, 22:22

Hallo Carmen,

vielen vielen Dank für deine Rückantwort!

Carmen hat geschrieben:ich kann nicht zu allen Deinen Fragen etwas sagen, aber vielleicht doch einige Gedankenanstöße geben.


Es waren einige Gedankenanstöße dabei, die mich nachdenklich gestimmt, aber mir auch gezeigt haben, nicht gleich den Kopf in den Sand zu stecken. Dafür bin ich sehr dankbar!
Wie ich hier auf dem Forum lese oder im direkten Gespräch mit anderen Betroffenen höre, bin ich nicht die einzige Person, die mit der Psyche zu kämpfen hat und nicht so richtig weiß, wie sie damit am besten umgeht.

Carmen hat geschrieben:Generell ist Stress sicher nicht förderlich. Ein stressarmer, "CED-vernüftiger" Job, der Dir nicht gefällt, aber auch nicht.

Das gesamte letzte Semester war ein einziger Kampf: Ich habe mich trotz stetig schlimmer werdender Beschwerden durch alle Vorlesungen und Prüfungen gequält, weil ich dachte, dass ich mich in den Semesterferien anschließend "erholen" kann. Gekommen ist alles ganz anders: Kaum war ich zu Hause, als es mich komplett flach gelegt hat und ich stationär ins Klinikum musste.
In dieser Zeit hat es mir komplett den Boden unter den Füßen weggezogen. Zu behaupten, ich hätte wieder zurückgefunden, wäre eine Lüge. Mich plagt das Gefühl, mein "Ich" irgendwo in den vergangenen Monaten verloren zu haben. Das, was mich bisher ausgezeichnet hat, ist irgendwie abhanden gekommen. Müdigkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit und das Gefühl des Versagens, weil man plötzlich nicht mehr all die Dinge machen kann, die bisher funktioniert haben (z.B. Hobbies, Ausbildung...), sind an die Stelle meines bisherigen lebensfrohen Wesens getreten. - Vielleicht wird das alles besser, wenn ich nicht mehr so stark durch den Crohn eingeschränkt bin. Die Frage ist nur: Wann? Das kann mir keiner beantworten. Ich überlege, ob ich schneller/besser in Remission komme, wenn es der Psyche besser geht. Vielleicht kann mir ein Psychotherapeut helfen, Fuß zu fassen.

Zur Zeit weiß ich gar nicht mehr, ob es für mich sinnvoll ist, in den Lehrerberuf einzusteigen, u.a. weil ich den Crohn + die Tätigkeit in der Schule im vergangenen Praktikum als enorme Last empfunden habe, und selber mit mir und meiner Krankheit nicht im Reinen bin. Es schwirren lauter Fragezeichen durch meinen Kopf und ich finde keine Lösung.
Carmen hat geschrieben:Prüfe für Dich, welche positiven Aspekte der Lehrberuf für Dich bringt, wie Du die Anforderungen der Ausbildung bewältigen kannst, in welchen Feldern Du mit dem Lehramtsstudium später tätig sein kannst - und ob es Dir die Sache wert ist, es zu versuchen.

Ja, ich glaube, das ist das einzig Vernünftige, um etwas Klarheit in die Sache zu bringen. Ich hoffe, ich komme zu sinnvollen Überlegungen und einer guten Entscheidung. Mein Studium wird vorerst weiter ruhen. Mir ist die Überlegung gekommen, verschiedene Beratungsstellen aufzusuchen (an der Uni allg. Studienberatung, Beratung für chron. Erkrankungen; evtl. zusätzlich Arbeitsagentur...), allerdings erst dann, wenn ich die physischen Beschwerden in den Griff bekommen habe und ich nicht ständig zur Toilette muss.

Viele Grüße sendet ein wegen MC trauriges, aber für die Antwort sehr dankbares Trüffelchen
Trüffel
beginnt sich einzuleben
 
Beiträge: 5
Registriert: Sa 3. Jun 2017, 18:52

Re: Psychotherapie und Berufswelt

Beitragvon Bichin » So 2. Jul 2017, 18:25

Hallo Trüffel,

ich habe bis vor kurzem eine Psychotherapie gemacht, die mir sehr geholfen hat. In meinem Fall war der Grund zwar nicht die CED, aber ich denke, unabhängig vom Auslöser kann man sagen, dass eine Psychotherapie sehr hilfreich sein kann. Ich hatte auch zuerst Zweifel, weil doch nach wie vor über solche Themen nicht sehr offen gesprochen wird. Eine gute Freundin hat mir Mut gemacht, da sie selbst lange in Therapie war, und ich bin ihr sehr dankbar dafür.
Ich denke, in Deiner jetzigen Situation solltest Du es auf jeden Fall mal mit einer Therapie versuchen. Meine Psychotherapeutin sagte mir, dass die Therapie letztlich Hilfe zur Selbsthilfe ist - insofern hängt der Erfolg viel davon ab, was von einem selbst kommt. Aber ein guter Therapeut/eine gute Therapeutin ist in der Lage, Dich dazu anzuleiten. Jetzt, am Ende der Therapie, finde ich diese Hilfe zur Selbsthilfe richtig toll, weil man das Gefühl hat, sich selbst helfen zu können und nicht von bestimmten Ärzten oder Medikamenten abhängig zu sein.

Bezüglich der beruflichen Situation: Deine Idee, Dich beraten zu lassen, halte ich für sehr sinnvoll. Es scheint, dass Du gerade an einem Punkt bist, wo Du nicht richtig weißt, wie die nächsten Schritte sind, und da ist jede Beratung sicher sinnvoll. Wenn Du es dazu ergänzend mit der Psychotherapie schaffst, wieder Fuß zu fassen, geht es sicher wieder voran!

Ich kenne mich mit Lehramt und Verbeamtung nicht aus und kann nur als Angestellte bei einem Unternehmen sprechen, aber in meinem Arbeitsvertrag steht der unsägliche Satz: "Ich versichere, dass ich keine chronische oder ansteckende Krankheit habe." Als ich damals die Stelle antreten wollte und den Vertrag vor mir hatte, habe ich mich hier im Forum erkundigt und auch von der AG Arbeits- und Sozialrecht der DCCV beraten lassen und habe erfahren, dass ich den Vertrag ohne Probleme unterschreiben kann, weil dieser Satz nicht legal ist und meine "Lüge" somit zu keinen Konsequenzen führen kann. Bei der Arbeit weiß niemand über meine CED Bescheid, und als ich wegen Schüben mal krankgeschrieben war, habe ich es als Grippe oder etwas anderes verkauft. Das hat bis jetzt auch gut geklappt, da ich Gottseidank nicht sooo einen schweren Verlauf hatte. Es gibt dazu einige Diskussionen im Forum, und soweit ich es überblicke, wird grundsätzlich empfohlen, dem Arbeitgeber nichts von der chronischen Krankheit zu sagen. Solange Dich Deine CED nicht wesentlich davon abhält, Deine Arbeit auszuführen, ist das anscheinend auch legitim. Aber dazu solltest Du Dich im Zweifelsfall beraten lassen, z.B. auch bei der DCCV.

Von meiner Psychotherapie wusste auch niemand bei der Arbeit Bescheid. Ich habe mir die Sitzungen so gelegt, dass ich nach der Arbeit hingehen konnte, und wenn ich wegen der Therapie mal früher gehen musste, habe ich mir irgendeinen anderen Grund ausgedacht. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass ich nur mit Freunden, die selbst schon einmal betroffen waren, über die Therapie sprechen konnte. Daher wusste in meinem Umfeld fast niemand davon. Ich wäre hier eher vorsichtig, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst Kollegen, mit denen man ein gutes Verhältnis hat, beim Thema Psychotherapie - wenn sie selbst nämlich keine Erfahrungen haben - gleich irgendwelche komischen Vorstellungen haben und übertriebene Rückschlüsse ziehen. Traurig, aber wahr.

Ich wünsche Dir alles Gute für den weiteren Weg, und vielleicht berichtest Du mal!
LG,
Helene
Bichin
ist öfter hier
 
Beiträge: 46
Registriert: So 10. Mär 2013, 17:54


Zurück zu Psyche & CED

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast