Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Schwerbehinderung, Rente, Kur etc. Austausch unter Betroffenen. Hier erfolgt keine Beratung durch den AK Sozialrecht!

Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon Safcon » Fr 19. Mai 2017, 19:34

Guten Abend zusammen,

ich leide seit 8 Jahren an CU und habe schon einiges hinter mir. Ich habe 2011 einen Bescheid über 30% vom Versorgungsamt erhalten für die Krankheit.

Im April 2016 war es soweit, dass die Medikamente nicht mehr geholfen haben und ich mich in Limburg operieren lassen habe. Das war dann die 1. von 3. Operationen, bei der mir der komplette Dickdarm entfernt und ein Stoma angelegt wurde. Das hat soweit auch alles gepasst und ich kam gut klar mit dem Stoma.

Im Dezember 2016 wurde die 2. Operation gemacht (Pouch+doppelläufiges Stoma). Daraufhin habe ich einen Antrag auf Verschlimmerung gestellt. Nun habe ich den Bescheid bekommen und habe immer noch 30% mit der Begründung:

"DIe Gesundheitsstörung "Künstlicher Darmausgang" stellt/stellen keine Behinderung dar, weil sie nicht zu fortdauernden Funktionsbeeiträchtigungen führt/führen, die mit einem Grad der Behinderung (GdB) von mind. 10 zu bewerten ist/sind."

Des Weiteren steht bei den berücksichtigten Gesundheitsstörungen:
"Teilverlust des Dickdarms" --> Mir wurde allerdings der vollständige Dickdarm entfernt!

Allerdings wurde mir gesagt, dass durch die Kolektomie ein GdB von 50% festgesetzt wird. Wie ist denn hierbei die Rechtslage bei diesem Sachverhalt?

Ich hoffe, dass ihr mir weiterhelfen könnt. Vielen Dank im Voraus und ein schönes Wochenende wünsch ich! :)
Safcon
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon Thilo » Sa 20. Mai 2017, 08:06

Hallo Safcon,

kannst du einmal schildern, welche konkrete Beeinträchtigungen nach den erfolgten OP`s bestehen und wie stark dich
diese aktuell in deinem beruflichen und gesellschaftlichen Leben behindern?

Gruß

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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon Safcon » Sa 20. Mai 2017, 12:59

Hey, danke für die schnelle Antwort.
Ich fasse dann mal kurz zusammen.

Also die Konsistenz des Stuhls ist generell flüssig. Trotz Mucofalk 1-1-1 und Loperamid 1-0-1.
Dadurch gehe ich etwa immernoch 10x am Tag aufs Klo. Insbesondere nachts ist es so, dass ich nicht durchschlafen kann, da ich etwa alle 2-3 Stunden aufstehen muss. Mindestens einmal in der Woche platzt auch der Beutel, sodass ich mich nachts waschen und das Bett neu beziehen muss. Dieses nervt nicht nur mich, sonden belastet auch meine Beziehung mit meinem Lebenspartner.

Durch die immernoch hohe Stuhlfrequenz ist es beruflich auch kaum möglich z.B Außendienst, lange Autofahrten und Messebesuche wahrzunehmen. Es ist extrem schwierig bis gar unmöglich. Meetings und Telefonkonferenzen gehen, allerdings ist es auch so, dass ich mich darauf einstellen muss. Des Weiteren ist es so, dass mir bereits mehrfach der Beutel auf der Arbeit geplatzt ist... Und das als Vertriebsingenieur ist schon extrem belastend und frustrierend.

Des Weiteren kann ich nicht viele Sachen, die ich früher gegessen habe, nicht mehr essen. Meistens sieht es bei mir so aus, dass ich Kartoffeln und Reis mit magerem Fleisch essen kann. Früchte gehen, solange diese nicht säurehaltig sind. Gemüse und Salat (z.B in Form von Rohkost) geht auch garnicht, da ich dieses nicht vollständig verdauen kann. Somit ist eine "gesunde und ausgewogene" Ernährung extrem schwierig. Flüssigkeiten sind halt Wasser und Tee möglich. Früher konnte ich durchaus Cola, Kaffee und alles andere trinken.

Ein weiterer Aspekt ist, dass ich die sportliche Aktivitäten einschränken musste. Insbesondere Schwimmen ist Überwindung bzw. mache ich nicht mehr, da ich eine 20cm Narbe von der 2. OP habe und diverse weitere Narben von den Operationen. Dieses beeinträchtigt mich auch in meinem Sexualleben. Ich zeige mich keiner Person (auch meiner Freundin) oben ohne, da ich mich dafür schäme wie ich aussehe.

Dadurch, dass ich solange an dieser Krankheit leide, habe ich mich auch persönlich zurückgezogen, dadruch sind viele Freundschaften zerbrochen, da ich mich nicht aus dem Haus getraut habe, was ich sehr schade finde und mich auch deprimiert. Insgesamt habe ich durch die Krankheit im Allgemeinen Lebensfreunde verloren. Ich konnte das Haus nicht verlassen, da ich ständig aufs Klo musste. Das hat sich immerhin gebessert, aber immer noch verlasse ich sehr ungerne das Haus. Urlaube oder Camping kann ich nahezu vergessen...

Ich kann auch kaum zunehmen. Ich kann sehr viel essen, aber ich nehme nicht zu und habe einen BMI von knapp 21. Ist zwar noch Normalgewicht, allerdings am unteren Ende der Skala. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich gerne Kinder hätte, allerdings habe ich große Angst, dass ich meinen Kindern CU vererbe und diese dann auch durch die Hölle gehen müssen. Ich stehe hier persönlich in einer Zwickmühle.

Alles das sind so Aspekte, die mich in meinem täglichen Leben einschränken und belasten. Durch die Operationen ist es sicherlich besser geworden, allerdings ist es noch extrem schwierig für mich mit dieser Krankheit klarzukommen.

Ich hoffe, dass ich einen Einblick in mein Leben und meine Psyche werfen konnte. Wenn noch Fragen bestehen sollten einfach nachfragen :)

Vielen Dank
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon Thilo » Sa 20. Mai 2017, 14:28

Hallo Safcon,

durch deine ausführliche Schilderung kann man deine aktuelle gesundheitliche Situation gut nachvollziehen.

Sofern der feststellenden Behörde das Ausmaß und die Folgen deiner Erkrankungen im Detail bekannt sind, ist
die Festsetzung eines GdB von 30 nicht nachvollziehbar, zumal sich die gesundheitlichen Einschränkungen auf
nahezu alle Lebensbereiche auswirken und eine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft in hohem Maße eingeschränkt
ist.

Ich gehe davon aus, dass die zahlreichen Auswirkungen deiner Erkrankungen dem feststellenden Arzt der
Behörde nicht ausreichend deutlich dargelegt wurden.

In aller Regel wendet sich die Behörde nach einem Antrag auf Feststellung einer Schwerbehinderung oder nach einer
Neufeststellung wegen einer Verschlimmerung an einen der im Antrag genannten Ärzte. Dies kann der Hausarzt sein.
Der teilt der Behörde auf einem Fragebogen die Diagnosen mit - und das war`s. Eventuell wird noch der letzte
Krankenhausbrief mitgeschickt. Aus diesen Unterlagen gehen aber wenig bis gar keine Informationen hervor, inwieweit
der Antragsteller durch seine Erkrankungen in der Gesamtheit beeinträchtigt ist.

Haus- und Klinikärzte sind keine Sozialmediziner, die einen besonderen Blickwinkel auf die Krankheitsauswirkungen im
Privat- und Berufsleben haben. Oft wissen Hausärzte oder Gatroenterologen überhaupt nicht, wie sie ihre Patienten
bei einem Antrag auf GdB-Feststellung sachgerecht unterstützen können. Gerade die psychischen Folgen einer schweren
CED werden häufig unterschätzt, wobei gerade psychische Einschränkungen gegenüber körperlichen Beeinträchtigungen
einen relativ hohen GdB hervorrufen.

Konkret zu deinem Problem: Generell lässt sich nicht sagen, dass eine Kolektomie mit einem GdB X bewertet werden muss.
Maßgebend sind immer die konkreten Beeinträchtigungen in ihrer Gesamtheit.

Mit einen GdB von 30 solltest du dich nicht zufrieden geben und zunächst Widerspruch gegen den Bescheid einlegen. Die
spätere Begründung solltest du mit fachärztlichen Attesten untermauern, die nicht nur Diagnosen enthalten, sondern
auch speziell die von dir beschriebenen Auswirkungen der Erkrankung. In einem vertrauensvollen Gespräch mit deinem
Facharzt sollte es dir gelingen diese wichtigen Punkte mit aufzunehmen. Äußerst wichtig sind hier auch die psychischen
Komponenten wie sozialer Rückzug, depressive Entwicklung, Verlust der Lebensfreude, Krankheitsverarbeitung, etc., pp.

Ich wünsche dir einen deiner Erkrankung angemessene GdB und drücke dir beide Daumen für ein gutes Gelingen.

Gruß

Thilo
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon greyhound » Mi 13. Jun 2018, 20:42

Hallo Safcon,
ich habe 1983 die Diagnose CU bekommen.Nach vielen Problemen dann 1999 in Heidelberg Entfernung des gesamten Dickdarms mit Pouchanlage. 2000 mit Hilfe des Hausarztes und dem Juristen des VDK in Darmstadt GdB 50% vom Versorgungsamt anerkannt bekommen. Ich habe nun nach Erreichen der Altersrente wesentlich größere Probleme als vorher und werde nun GdB 60 mit Merkzeichen G beantragen. Damit dann Erhalt einer gelben Plakette zur Parkerleichterung um schneller ein WC aufsuchen zu können. Dies wieder mit Unterstützung des VDK. Limburg- Dr. Heuschen /bei meiner OP damals in Heidelberg- ist mir auch bekannt wegen einiger Fistel- OP's. Du hast nach deiner Schilderung sicher den GdB von 50% "verdient".
Ich wünsche dir Gelassenheit und Mut mit der Situation umzugehen.
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon neptun » Mi 13. Jun 2018, 21:07

Hallo Greyhound,

wenn Du nicht wirklich schwer gehbehindert bist und die Anforderungen nicht erfüllst, wie Gerichte sie qualifiziert und quantifiziert haben, so wirst Du kein Merkzeichen "G" bekommen.

Brauchst Du aber auch nicht, wenn Du einen GdB 60 nur für die CED bescheinigt bekommst. Dann hast Du Anspruch auf den orangen Parkausweis. Dann kannst Du beim Verkehrsamt mit Deinem Ausweis diesen Parkausweis beantragen.

Der Dir allerdings auch nicht erlaubt, auf den besonderen Parkplätzen mit Ausweis blau zu parken.

LG Neptun
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon greyhound » Mi 13. Jun 2018, 21:37

Hallo Neptun,
das mit dem Merkzeichen G hat mir der Berater des VdK nahegelegt. Er sprach davon, dass dies automatisch zusammengehört. Deshalb habe ich es in meinen Ausführungen erwähnt. Ich sitze gerade über dem Vordruck des Versorgungsamtes. Laut VdK besteht grundsätzlich die "Gefahr", das der Grad der Behinderung vom Versorgungsamt gänzlich aberkannt wird. Da ich aber einen "alten" noch bergrenzten Ausweis bis 2018 habe, der zur Verlängerung ansteht ist das m.A. zu tolerieren.
L.G. greyhound
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon neptun » Mi 13. Jun 2018, 22:06

Hallo Greyhound,

dann lies Dir lieber mal die Voraussetzungen für das Merkzeichen G durch.
Und über den orangenen Ausweis. Es nützt ja nichts, wenn ich es Dir hier durchkaue und Du mit dem Vorschlag des VdK kommst.
Der Ausweis hat doch sowieso keine rechtliche Relevanz. Er ist nur Ausdruck eines Bewilligungsbescheides, den Du bekommen hast. Da steht drin, wofür Du den GdB bekommen hast und eventuell eine Befristung. Der kann sogar unbefristet sein, was ein Ausweis lange nicht immer ist. Letzterer dient doch nur zum Nachweis, falls Du Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen willst.

Einzig der Bewilligungsbescheid ist ausschlaggebend für eine mögliche Befristung. Sieh mal in diesen rein.
Und sicher kann ein Verwaltungsamt auch einen GdB reduzieren oder aberkennen.

LG Neptun
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Re: Verschlimmerungsantrag nur GdB von 30% mit Stoma

Beitragvon Thilo » Do 14. Jun 2018, 09:16

Hallo greyhound,

eine Antragstellung für die Neufeststellung einer Behinderung, den sogenannten "Verschlimmerungsantrag",
sollten sich behinderte Menschen vorher gut überlegen.

Viele wundern sich, dass ein unbedachter Antrag auch eine Herabsetzung des GdB auslösen kann. Der Grund
hierfür ist darin zu sehen, dass durch den Antrag eine komplett neue Bewertung des aktuellen Gesund-
heitszustandes durch die Behörde ausgelöst wird.

Wenn man weiss, dass Ärzte im Falle einer amtlichen Anfrage überwiegend nur Diagnosen bestätigen, aber
bestehende Einschränkungen im Alltagsleben mit keinem Wort erwähnen, wird deutlich, dass ein "Verschlimmer-
ungsantrag" auch erhebliche Risiken birgt und man sich hier ein "herrliches Eigentor" schießen kann.

Auch die Beschreibung von gesundheitlichen Einschränkungen sollte durch einen Arzt erfolgen; am besten durch
den behandelnden Facharzt. Eigene Aufzeichungen werden als subjektive Darstellung gewertet und haben
meist keinen Einfluss auf die amtliche Bewertung des GdB.

Viel zu viele Stammtischparolen machen über die "Prozente" die Runde - auch über Sonderrechte beim Parken.
Falsche Informationen setzen sich in vielen Köpfen fest und werden vehement weiter verbreitet.

Gründliche Informationen und Überlegungen vor einem Verschlimmerungsantrag sowie ein vertrauensvolles
Gespräch mit dem behandelnden (Fach-)Arzt können helfen unliebsame Überraschungen zu vermeiden.

Und immer sollte man sich die Frage stellen: "Was bringt mir ganz konkret eine Erhöhung des GdB".

Gruß

Thilo
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