Umorientierung nach Studium aufgrund der CED

Erwerbsleben mit einer CED? Hier der Austausch von Betroffenen darüber. Hier erfolgt keine Beratung durch den AK Sozialrecht!

Umorientierung nach Studium aufgrund der CED

Beitragvon Ethereal » Mi 14. Mär 2018, 16:35

Hallo!

Ich wende mich heute an euch aufgrund einiger Fragen, die ich an euch hätte, ob ihr ähnliche Situationen auch schon erlebt habt und wie ihr damit umgegangen seid. Es geht um Umschulung/Neuorientierung nach einem abgeschlossenen Studium.

Kurz zu mir: Ich habe Lehramt auf Gymnasium studiert, geisteswissenschaftliche Fächer. Das Studium konnte ich mit dem Staatsexamen beenden und derzeit befinde ich mich noch in einem Erweiterungsstudiengang, um die Arbeitsmarktchancen zu verbessern.
Noch ein Jahr vor dem Examen steckte ich in einem schlimmen Schub fest, aus dem ich fast auch nicht mehr rausgekommen wäre. Die Operation lag als Option schon auf dem Tisch. Ich war kurz davor, das Studium abzubrechen, weil ich mir praktisch keine Chancen mehr ausrechnete, das Ende zu erreichen. Das Prüfungsamt machte es mir unglaublich schwer, überhaupt einen Antrag auf Verlängerung einzureichen, es war wahnsinnig unangenehm. Ich konnte mich niemandem wirklich mitteilen, hetzte in die Uni mit Zwischenstopp bei jeder Toilette, versuchte zu erledigen, was anstand. Aus heutiger Sicht war es ein einziger Krampf und ich bringe mir selbst wirklich Bewunderung entgegen. Die Noten litten, ich war insgesamt unzufrieden, war auch vieles vorher falsch angegangen. Dann Behandlung mit Vedolizumab und von einer Woche auf die andere quasi symptomfrei. Ich beschloss, das Studium zumindest erfolgreich zu beenden und schloss mit 2,51 ab.
Bereits zuvor hatte ich aber während meines Schubs gemerkt: Lehramt? Das werde ich mir nicht antun. Verbeamtet werde ich nicht, die Situation im Angestelltenverhältnis kann für Lehrer zermürbend sein und wie soll rein praktisch der Schulalltag ablaufen, wenn wieder ein Schub auftritt? Meine Fächer sind auch nicht sonderlich gefragt, zumindest in Bayern; das habe ich mir wohl zuzuschreiben, dass ich am Beginn des Studiums nicht nachgedacht hatte. Jedenfalls gab es eine Reihe Artikel diverser Zeitungen dazu von solchen Fällen im Lehramt - schrecklich und jämmerlich, was diese Leute durchmachen und ich möchte das nicht riskieren, auch irgendwann so zu enden.
Mittlerweile ist in mir der Wunsch gereift auf einen Bürojob umzusatteln. Da ich prinzipiell auch gerne einfach mal etwas anderes machen würde ist hier die Idee einer Ausbildung in mir gereift; ein Stück weit also zurück zu den Anfängen, und zwar würde mich der Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung reizen. Die Gründe, warum das: Ich bin seit ich Kind bin von PCs fasziniert gewesen und habe mich immer gerne mit IT-Themen beschäftigt. Ich wäre nur nicht als ich Abi machte darauf gekommen, so etwas beruflich zu machen. Mathe hat mir schon Spaß gemacht, aber ich war nicht übermäßig begabt und habe mich nicht richtig reingehängt in den MINT-Fächern, denke ich. Vor einigen Jahren habe ich ein wenig mit Programmieren angefangen und habe mich da auch gut und mit Begeisterung zurechtgefunden. Aber es gibt hier auch eine ganze Reihe an Hindernissen bezüglich der Voraussetzungen: Meine Mathenoten waren nie berauschend, meine Leidenschaft lag immer mehr bei den geisteswissenschaftlichen Fächern. Physik hatte ich in der Oberstufe gar nicht. Trotzdem habe ich mich in den letzten Jahren immer mehr und gerne in die Thematik reingearbeitet. Ich habe jetzt trotz aller Bedenken mal angefangen Bewerbungen rauszuschicken, es kamen auch schon von größeren Firmen absagen, aber das hat mich nicht wirklich überrascht. Ich hoffe, vielleicht bei einem mittelständischen Unternehmen reinzukommen, um dort Erfahrungen zu sammeln, natürlich mit der Option, dort auch langfristig zu bleiben, aber auch als Möglichkeit, erstmal in diesen Bereich des Arbeitsmarkts vorzustoßen.

Ich bin innerlich am schwanken, ob das alles sinnvoll ist. Einerseits gefällt mir die Idee jeden Tag besser. Ich kann mir vorstellen, mich in sowas wirklich reinzuhängen, habe mir auch schon ein wenig Literatur dazu angesehen und wieder mehr mit Programmieren angefangen und lese mir viel zu Technik durch. Ich bin aber in den letzten Tagen auch wirklich niedergeschmettert, weil ich keinen Weg mehr vor mir sehe. Ich stelle mir schon vor, wie ich mich total in etwas verrenne. Andererseits habe ich auch von einer Reihe an Fällen gelesen, wo Leute auch mit schlechten Voraussetzungen in so etwas reingekommen sind.

Das also meine Gedanken in Kurzform. Nun endlich die eigentlichen Fragen an euch:
(*) Habt ihr generell berufliche Anregungen?
(*) Habt ihr Ähnliches mal irgendwann in eurem Leben erlebt?
(*) Könnt ihr mir empfehlen, wie ich mit der Colitis bei der Bewerbung inklusive Bewerbungsgespräch umgehe?
(*) Habt ihr Ideen, wo ich mich vielleicht eher bewerben sollte?
(*) Gerne auch Kritik á lá "Schlag dir das aus dem Kopf" oder auch gutes Zusprechen á lá "Bleib dran! Gute Idee!"



Kleine Ergänzung: Wohne im Raum Franken.

Ich bin dankbar für jeden Austausch, den ihr mir bieten könnt!

Liebe Grüße
Ethereal
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Re: Umorientierung nach Studium aufgrund der CED

Beitragvon Tanja3103 » Di 20. Mär 2018, 22:20

Hallo!

Ob dir auf deine Fragen irgendjemand eine Antwort geben kann, weiß ich nicht. :)
Ich habe in einer ähnlichen Situation gesteckt. Ich habe studiert, war dann ein halbes Jahr zu Hause und habe mich dann für eine Ausbildung entschieden. Für mich war das die beste Entscheidung. Ich bin Heilerziehungspflegerin und daran hängt auch mein Herz. Deswegen würde ich sagen, ja klar, versuch doch noch eine Ausbildung zu machen, wenn es das ist, was du möchtest. Es sollte dir schon Spaß machen, da du ja generell Jahrzehnte in dem Beruf stecken wirst.

Hast du mal versucht über ein Praktikum in eine Firma reinzukommen?

Ich persönlich habe meinen MC nie meinen Arbeitgebern offenbart. Allerdings arbeite ich im Schichtdienst und lege alle Termine aufs Frei. Ich hab auch zu sehr Angst, dass sich eine Offenlegung negativ auswirkt, obwohl ich nach 6 Jahren Befristungen mittlerweile fest angestellt bin.

Im Übrigen komme ich auch aus Franken. :) Hier ist es bei dem Thema manchmal nicht einfach. ;)

Viele Grüße,
Tanja
Tanja3103
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Re: Umorientierung nach Studium aufgrund der CED

Beitragvon Ethereal » Di 10. Apr 2018, 10:25

Hallo Tanja!

Vielen Dank für deine Gedanken und Erfahrungen, sie haben mir auf jeden Fall geholfen. Ich habe zwar von vielen Seiten Kritik hören müssen und mehr oder weniger gute Einwände, trotzdem glaube ich, dass es die richtige Entscheidung ist, den Weg mit der Ausbildung zu gehen. Natürlich muss das keine Pauschallösung sein, als Lehramtsstudent nicht ins Lehramt zu gehen aufgrund einer solchen Krankheit, allerdings ist das auch meine Entscheidung nach langer, langer Überlegung.

Ich habe übrigens gute Erfahrungen gemacht bezüglich des Ansprechens der Krankheit, aber auch hier möchte ich nicht pauschal sprechen wollen. Ich habe mir vorher sehr genau überlegt, wie ich die Krankheit präsentiere, da ich ja die Frage zu meinen Beweggründen erwarten konnte. Mein Hintergrund ist allerdings auch, dass ich derzeit und seit langem schubfrei bin und daher mit einigermaßen großer Sicherheit auch davon ausgehen kann, dass das erstmal so bleibt. Vielleicht dazu einige Tipps:

(*) Ich habe auf erfolgreiche medikamentöse Behandlungen verwiesen und betont, dass ich in schubfreien Zeiten 100 % fit bin.
(*) Ich habe auch erklärt, dass ich selbst im schwächeren Schüben gut arbeiten kann und bei gravierenderen Einschränkungen auch Home-Office als Option denkbar wäre.
(*) Ich habe darauf verwiesen, dass sich derzeit keine Verschlechterung erkennen lässt, wenn man auch als Betroffener nicht in die Zukunft blicken kann.
(*) Ich habe auch erklärt, dass eine solche Krankheit auch positive Aspekte mit sich bringt: Wenig bis keinen Alkoholkonsum, gesündere, überlegtere Ernährung, moderater Sport, nicht rauchen, um den Körper nicht zu schwächen, allgemein überlegtere Alltagsplanung, genügend Schlaf etc.

Insgesamt wurde die Krankheit nicht als Problem gesehen.
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Re: Umorientierung nach Studium aufgrund der CED

Beitragvon Loki » So 8. Jul 2018, 01:57

Hallo =)
Ich kenne dieses ausgelaugt sein. Ich habe seit dem Studium mich voll auf die Krankheit konzentriert und keine Leidenschaft für den Beruf aufbringen können. Ich habe das Gefühl, dass ich nichts kann und für meine Jobs total inkompetent bin, obwohl ich einen Masterabschluss mit Auslandserfahrung habe. Ich habe das mehrfach mit Psychologen und Ärzten kommuniziert, dass ich nicht weiß, ob es mich überhaupt noch erfüllt oder jemals erfüllen wird. Ich werde deswegen bald Psychologie studieren, weil mir das liegt und ich gerne anderen helfe und mich selbst therapieren möchte. Ich kann in der Zwischenzeit gucken, ob doch noch die Leidenschaft für den Job da ist, also Job Voll-/Teilzeit und Studium Teilzeit, falls ja, kann ich das Psychologiestudium damit super gut kombinieren, falls nicht, kann ich komplett den Beruf zum Psychologen wechseln. Eine Alternative zu überlegen wäre für dich vllt auch nicht verkehrt? Was ich meine ist, dass man bei so einem einschneidenden Erlebnis vllt. einen Neuanfang braucht. Der Gedanke daran, dass ich Psychologie studieren werden, etwas, was mich sehr interessiert, macht mich einfach glücklich und vieles lässt sich dadurch aushalten und weniger belastend erscheinen.
Ein/e angestellte/r LehrerIn halte ich finanziell für belastend (Wissen aus Freundeskreis) aber ich kenne dazu nicht alle Fakten und ein Referendariat zu heftig mit CED. Wenn du aber weißt, dass es dich zu sehr stressen wird, dann würde ich es tatsächlich lassen. Man hat natürlich die Zeit verloren, andere fangen schon mir 18 oder so an, aber so ist das manchmal. Man muss sich das mal überlegen. Jahrelanges Studium auf Eis legen und was anderes ausüben, das muss schon etwas mit einem gemacht haben, nämlich diese beschissene Krankheit. Die Entscheidung liegt bei dir. Vllt kannst du etwas machen, was du gut mit dem Lehramt verknüpfen kannst, aber trotzdem als eigenständiger Beruf gilt, um komplett wechseln zu können, wie bei mir. Alles Gute
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