Beziehungen

Hier geht es um gegenseitige Achtung und die Probleme, die es in einer Partnerschaft und bei Angehörigen gibt, aber auch um Schwangerschaft.

Beziehungen

Beitragvon Balin » Sa 27. Apr 2019, 22:04

Hallo zusammen!
Ich nehme zur Zeit Entyvio und damit geht es mir derzeit gut. Habe ein so gutes "Bauchgefühl" wie lange nicht mehr (noch nie).
Das schreibe ich vorab, weil das zu Gedanken führt (diese "hochkommen"), zu denen ich gerne ein paar Meinungen/Tipps hätte:

Ich bin immer sehr angespannt gewesen schon als Jugendlicher. Zwar ist die CU "erst" mit 18 diagnostiziert worden, aber in
der Pupertät hatte ich einige psychosomatische Sachen.
Nun hat das in dieser Zeit dazu geführt, dass ich sehr große Probleme damit hatte, was mit Mädchen zu machen. Im Prinzip
ging das gar nicht, denn da war ich aufgeregt und das hat sich bei mir dann sofort in körperlichem Unwohlsein und Abblocken
geäußert.
Als ich dann die Medikamente (Mesalazin) bekommen habe nach der Diagnose und es mir besser ging, hatte ich zwei auch gute
Beziehungen in diesen Jahren im jungen Erwachsenenalter (und auch andere gute Erfahrungen), Probleme gab es auch,
aber das war trotzdem natürlich schön. :D
Nun - nach Schübern und Problemen in den letzten ca. 2 Jahren - bin ich seit kurzem mit Entyvio "bauchmäßig" gut drauf (es wird
sich zeigen, ob das längerfristig für mich hilfreich ist), denke aber nun nach, ob ich wieder mehr Nähe und kurzgesagt eine Beziehung will.

Und dazu jetzt einige Gedanken:
1.) Ich habe glaube ich ein körperlich-psychisches Problem mit Nähe. Beides, Geist (Aufregung, Gedanken, Selbstbewusstsein) als
auch Körper (Unwohlsein, Bauchschmerzen) spielen dabei eine Rolle. Das ist glaube ich durch die Empfindungen in den Teenager Jahren
irgendwie auch recht gefestigt. Ich hatte früher schonmal eine Therapie nach Beginn der Krankheit, also vor 18 Jahren, die hilfreich
war, aber das Problem mit Nähe blieb bestehen.
2.) Tendenziell ist meine Tendenz eher vor all dem zu flüchten (in Arbeit, Hobbies etc.)
3.) Das führt aber auch zu Einsamkeit. (Nicht unbedingt was das Soziale angeht, da ich bisher Arbeiten konnte und auch Freundschaften
pflege, aber was einen Partner angeht.).
4.) Ich weiß zwar kopfmäßig, dass es wichtig ist auf die eigenen Bedürfnisse zu hören, aber das lässt mich nicht so handeln, da
alte Muster / das Unterbewusste dort stärker sind.
5.) Außerdem weiß ich, dass ich in Schüben etc. dann auf jeden Fall stärkere Porbleme mit Nähe usw. habe.
Hinzu kommt dabei auch, dass es dann auch mit der Potenz - ich hatte schonmal vor längerer Zeit darüber etwas geschrieben und
auch interessante Beiträge dazu bekommen - schlecht aussieht. Ok, das ist bei Weitem nicht alles, klar. Aber ich habe generell die Tendenz mich
dann zurückzuziehen.
In einem anderen "Thema" vor längerer Zeit habe ich auch mal gelesen, dass eine Userin geschrieben hatte etwas in dem Sinne von
"klar, Frauen wünschen sich halt einen starken Mann etc.". Das soll nicht falsch herüberkommen, ich möchte nicht implizieren, dass
Frauen es mit der Krankheit einfacher haben was Partnerschaft angeht, das kommt auf die individuelle Person an
als auf das Geschlecht.
Aber was ich schon festgestelt habe als Mann:
Es ist nicht einfach auszubalancieren, wie sehr man über Dinge sprechen soll, die eigene Schwäche thematisieren. Klar, das lässt sich
ja oft gar nicht vermeiden, aber es sollte auch nicht bestimmend werden, was schwer ist, wenn es einem lange nicht gut geht.
Unterbewusst denke ich glaube ich auch, ob ich das jemandem zumuten sollte. Zwar kann ich mir rational sagen, dass natürlich auch
chronisch kranke Mensche wie Ich genauso liebenswert sind, aber eine gewisse Rolle spielt das auch. Ich müsste was das angeht
wahrscheinlich einfach weniger nachdenken und auch etwas "egoistischer" sein.

Kurz: Es wird ja oft - auch hier im Forum - diskutiert, ob langfristige Lebensumstände / Belastungen zur Krankheit beitragen. Ich glaube
für mich, dass weniger Einsamkeit bestimmt nicht schlecht wäre. Aber aufgrund oben beschriebener Ängste / Gedanken etc. fällt es mir
schwer daran etwas zu ändern. Ok, wenn die Frau mich quasi überwältigt :lol: dann läuft was, aber ich hätte auch gern selbst dort mehr
"Lockerheit" /Entscheidungsfreiheit.

Konkrete Fragen:
1.) Wie geht ihr mit der Krankheit in Beziehungen um? Insbesondere wie lasst ihr euch auf solche ein? Oder habt ihr gar keine Probleme damit?
2. ) In meinem Fall denke ich, eine weitere Therapie wäre glaube ich gut.
Ich denke zwar nicht, dass das "weggezaubert" werden kann, aber dennoch belastet es mich - und ignorieren/weglaufen ist denke ich nicht gut.
Hat jemand mit Therapie in einem solchen Fall gute Erfahrungen gemacht?

Vielen Dank für etwaige Erfahrungen & viele Grüße,
Balin
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Re: Beziehungen

Beitragvon danya » Mi 1. Mai 2019, 17:25

Lieber Balin,
Du schreibst dass Du gerne wieder mehr Nähe in Deinem Leben haben möchtest und weißt aufgrund Deiner Erfahrungen und den Einschränkungen Deiner Krankheit nicht, wie Du das anstellen kannst. Deine Erfahrungen sind nicht ermutigend, Deine Angst vor Nähe schränkt Dich ein und dazu kommen die Hemmungen, sich mit seiner Krankheit und deren Einschränkungen mitzuteilen und zu zeigen. Ich finde es sehr verständlich und auch nachvollziehbar, dass Du einer neuen Partnerin gegenüber Hemmungen hast.

Ja, Therapie kann eine Möglichkeit sein, Dir Deine Ängste anzuschauen und neue Möglichkeiten durchzuspielen. Mitunter sind da jedoch die Wartezeiten recht lange, bis man einen Therapieplatz bekommt, was Dein Anliegen nicht im Hier und Jetzt löst und Dich jetzt weiterbringt. Meiner Ansicht nach braucht es Therapie jedoch nicht zwingend, um Dich zu ermutigen, die notwendigen Schritte zu gehen, oder zumindest nicht nur.

Sehr viel wesentlicher finde ich, wie Du mit einer eventuellen Kandidatin in Verbindung trittst. WIE Du mit ihr kommunizierst, WIE Du Dich mitteilst, und damit meine ich, ob und wie nachvollziehbar Du die Krankheit und die daraus resultierenden Einschränkungen kommunizierst. Ich möchte Dich da ermutigen, aus dem sozialen Rückzug heraus in die Verbindung zu gehen und den Dialog zu suchen mit (D)einer Partnerin zu suchen. Dich mitzuteilen mit Deinen Ängsten, Deinen Hemmungen und vorsichtig ausprobieren, wie reagiert denn die eventuelle neue Partnerin. Die Folgen der Krankheit mit all ihren Einschränkungen ist für Außenstehende nicht unbedingt selbsterklärend. Ich verstehe, dass man es nach jahrelanger Krankheit einfach satt hat, sich ständig erklären und rechtfertigen zu müssen. Da hat niemand Lust drauf und das ist auch demütigend. Wichtig ist jedoch, raus aus der Defensive zu kommen und sich eben nicht zu erklären und zu rechtfertigen, sondern zu lernen, Dich und Deine Bedürfnisse mitzuteilen. Immer nur das, was gerade ansteht und wichtig ist. Ohne das sich mitteilen, und seine Bedürfnisse mitteilen, kann Beziehung – auch ohne CU - nicht gelingen.

Ich bin selbst nicht direkt Betroffene, sondern als eine Freundin betroffen und mache die Erfahrung, wie schwer es ist, in eine gelingende Kommunikation zu kommen, wenn sich der direkt Betroffene - völlig verständlicherweise - scheut, sich mitzuteilen, sich abkapselt, sich zurückzieht. Und da ist es mir auch schon passiert, dass mir der Geduldsfaden reißt, wenn nicht nachvollziehbar kommuniziert wird. Was mir hinterher sehr leid tat, ich in dem Moment jedoch nicht besser wissen konnte. Ich musste, bzw muss, selbst erst lernen, was es für einen Betroffenen heißt, mit der Krankheit und deren unvorhersehbaren Einschränkungen zu leben.

Lieber Balin, ich hoffe, dass ich Dir damit ein bisschen zeigen kann, was aus der Perspektive einer möglichen Partnerin wichtig sein kann. Go for it!
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Re: Beziehungen

Beitragvon Balin » Sa 4. Mai 2019, 16:11

Hallo danya,
danke für deine sehr hilfreiche Antwort! Ja, es ist finde ich auch auf jeden Fall wichtig seine Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen, sonst kann eine
Partnerin Situationen nicht verstehen.
Gut finde ich auch Deinen Hinweis, "aktuell, das was gerade ansteht" im Blick zu haben.
Es bleibt auf jeden Fall knifflig: Zum Beispiel, obwohl ich gar nicht soviele schwere Schübe bisher hatte - ich bewundere den Umgang vieler Betroffene mit schweren Krankheitsverläufen wie er sich hier im Forum zeigt - fühle ich mich doch oft müde, bauchschmerzig etc. Also Tage nachdem ich z.B. so ne Infusion Biologikum bekommen habe, bin ich der entspannteste Mensch der Welt, aber wenn Zeit verstreicht, dann "arbeitet" die Krankheit in einem und ich fühle mich immer etwas schlechter. Kurz: Für mich ist es so, dass ich die Medikamente immer brauche und dennoch oft ein leichtes (!) Krankheitsgefühl habe, auch in Remission.
Und das muss man dann natürlich auch für sich selbst einfach akzeptieren und, wenn man es möchte, dennoch Kontakt und Nähe zulassen. Und das ist für mich selbst nicht einfach.
Außerdem denke ich auch, dass es von Seiten des Partners wichtig ist, aber das ist ja klar, auch zu respektieren, wenn der von der Krankheit betroffene Partner mal Sachen mit sich selbst ausmacht. Denn sonst wird bei einer chronischen Erkrankung, wo es dem Betroffenen ja über lange Phasen auch körperlich nicht so gut gehen kann, die Krankheit zu einem zu beherrschenden Thema. Zum Beispiel, ein Therapeut, bei dem ich mal vor mehr als einem Jahrzehn war und der selbst auch die Krankheit hat, schreibt in einem seiner Bücher, mit einer Partnerin wäre die Beziehung auseinandergegangen, weil sie sagte, sie "könne es nicht ertragen den Partner leiden zu sehen und selbst immer stark sein zu müssen." Natürlich war das sehr verletzend, aber zeigt, dass es eben nicht einfach ist im Leben :lol:
(Der Vollständigkeit halber: Der Therapeut hat aber dann später geheiratet, Kinder usw.).
Letztlich wie Du schon selbst sagst, ist sicher Offenheit wichtig und man sollte zusammen Sprechen und Dinge aushandeln können, aber eben auf der anderen Seite denke ich auch Akzeptanz, wenn auch nicht Alles - immer wieder - gesagt werden muss.
Für mich ist aber derzeit auch im Vordergrund überhaupt Nähe für mich selbst als Möglichkeit zuzulassen auch in Phasen, in denen es mir nicht gut geht und das ist aber bei mir auch nicht nur ein Problem (siehe oben) in Zusammenhang mit der Krankheit, sondern auch meiner Gefühle und Psyche...allerdings davon auch nicht ganz zu lösen.

Danke auf jeden Fall nochmal für die aufmunternde Antwort (Go for it! :lol: ) und ich wünsche Dir und Deinem Partner ebenfalls alles Gute!
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Re: Beziehungen

Beitragvon Balin » Sa 4. Mai 2019, 19:20

Ahja, ich habe letztens ein yt-video gesehen, wo jemand, der CU hat, über sein Körpergefühl gesprochen hat.

Der meinte auch, es wäre im Schub eingeschränkt. Natürlich ist das aber von Person zu Person auch sehr unterschiedlich: Für mich war es aber zum Beispiel so,
dass ich das erste mal unter stärkerer Medikation überhaupt verstanden habe, was es heißt als Mann am Tag "spontan Erregung zu spüren" (nennen wir es mal so ;) ).
Das zeigt ja schon, dass sich das Körpergefühl ändert. Der Körper beruhigt sich, wenn er nicht mit Entzündung beschäftigt ist und man kann sich besser auf die Umwelt einlassen. Deshalb bewundere ich auch alle, die für sich einfach total angenommen haben welche Einschränkungen die Krankheit hat. Das ist sicher der richtige Weg, da es das eigene Leben ist und man mit dem arbeiten muss und kann, wie es eben ist. Dennoch ist das für mich selbst aber ein "Weg" mit immer neuem Aushandeln der Akzeptanz, was ich für mich als nicht abschlossen, sondern offen empfinde.

Auf der anderen Seite kann es natürlich auch sein, dass das bei anderen Betroffenen ganz anders ist, jeder ist unterschiedlich. :)
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Re: Beziehungen

Beitragvon danya » So 5. Mai 2019, 17:58

Hallo Balin,
das freut mich sehr, dass Dir meine Antwort hilfreich ist.

Sich so für den anderen mitzuteilen, dass dieser nachvollziehen kann, ist die Grundlage, um Missverständnisse zwischen (D)einer Partnerin und Dir zu vermeiden. Sich mitzuteilen und sich mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ehrlich zu zeigen macht aber auch verletzbar und man muss sich das auch überhaupt erstmal trauen. Das ist schon ohne CU nicht einfach, je nachdem, welche Erfahrungen man von klein auf gemacht hat. Hat man erlebt, dass liebevoll und einfühlsam auf Ängste und Sorgen reagiert wurde und auf das Bedürfnis, sich bedingungslos angenommen zu fühlen, dürfte es leicht fallen, vertrauensvoll zu sein und sich nicht ängstlich zurückzuziehen. Das ist eine Frage, welcher Bindungstyp wir durch unsere Bindungserfahrungen geworden sind, also ein Aspekt, den die Bindungstherorie https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie behandelt. Die meisten von uns haben dies jedoch nicht besonders einfühlsam erlebt, wurden lächerlich gemacht, zurückgewiesen, oder ihnen wurde gesagt sich nicht so anzustellen, manche haben gar Missbrauch und Misshandlungen erlebt und das war es dann mit dem Urvertrauen. Und so verstecken wir uns in Rollen, wie zb sich nichts anmerken zu lassen, abzupalten, auszuklammern... den ausgeklammerten Teil, den wir meinen, nicht zumuten zu können, und mit dem wir uns zu zeigen nicht trauen aus Angst vor Zurückweisung.

Sich ehrlich mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen, auch den "nicht so schönen", setzt Vertrauen voraus, und das muss erstmal aufgebaut werden bzw wachsen. Eine schöne Geschichte dazu, wie das mit dem Vertrauen geht, ist die Erzählung von Saint-Exupéry "Der kleine Prinz". Sich einander vertraut machen, das Vertrauen des anderen gewinnen, gelingt in kleinen Schritten, nicht durch Reden, schöne Worte und Gespräche. Eine schöne Passage zum "einander vertraut machen" hier aus dem Kapitel der Fuchs und der kleine Prinz ist diese hier: "»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du wirst dich zunächst mit einem kleinen Abstand zu mir in das Gras setzen. Ich werde dich aus den Augenwinkeln aus anschauen und du wirst schweigen. Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse. Aber jeden Tag setzt du dich ein wenig näher …«"

Die Sache mit dem Vertrauen, mit dem einander-vertraut-werden und das sich-zeigen betrifft aber ausnahmslos alle Menschen, die sich nach einer echten Verbindung sehnen. Die CU bringt da nur ihre eigenen ganz besonderen Bedürfnisse ins Spiel, die dann auch noch so fürchterlich unangenehm und mit Scham verbunden sind. Da ist es ratsam, weder mit der Tür ins Haus zu fallen, noch schweigend sich zu verkapseln und den andern im Regen stehen zu lassen, sondern in kleinen Schritten sich zu offenbaren mit dem was gerade ansteht und den anderen betreffen könnte, nach und nach, und je nachdem, wie die Reaktion ausfällt, ein weitergehen und tiefergehn... Die Liebe ist nunmal kein Siegesmarsch, wie es Leonard Cohen schon besang, sondern ein vertrauensvolles Verbinden...

Du beschreibst auch, Balin, dass es nicht nur darum geht, selbst Kontakt und Nähe zuzulassen, sondern auch, dass Du Dir von Deiner Partnerin wünschst, auch zu respektieren, wenn Du als der von der Krankheit betroffene Partner auch mal Sachen mit Dir selbst ausmachst. Damit die chronische Erkrankung, bei der es Dir als dem Betroffenen ja über lange Phasen auch körperlich nicht so gut gehen kann, nicht zu einem beherrschenden Thema wird. Du wünschst Dir die Akzeptanz, wenn auch nicht alles – immer wieder - gesagt werden muss. Dafür muss es aber erstmal verständlich und nachvollziehbar kommuniziert worden sein, gell?!

Danke Dir erstmal dass Du hier Deinen Wunsch und Dein Bedürfnis so verständlich und nachvollziehbar ausdrückst. Wenn ich das so lese, kann ich das auch gut nachvollziehen und das bei meinem Partner auch so lassen. Im echten Leben ist mir das schon durchaus manchmal ganz schön schwergefallen. Auch das ist alles eine Frage der Kommunikation. Mit abruptem Zurückziehen, Einigeln und Beziehung in Frage stellen und plötzlichem wir-lassen-das-besser komme ich halt so garnicht klar. Oder erstmal nicht. Langsam fasse ich aber auch im echten Leben immer mehr Vertrauen, aber das ist ein Prozess der gegenseitigen freundschaftlichen - oder vielleicht partnerschaftlichen, das wird sich zeigen - Annäherung.

Einer Angst begegne ich jedoch immer wieder, die ich so bisher nicht kannte und erst in dieser besonderen Situation kennenlerne. Nämlich dass ich nicht wissen kann, ob und wann die Krankheit nur vorgeschoben ist und der andere einfach nur keinen Bock hat oder er eine eindeutige Zurückweisung mit der Krankheit kaschiert. Diese Angst ist bei mir in dieser Situation inzwischen ziemlich schnell angetriggert und lässt sich für mich nicht klären, da der andere nur sieht, dass ich ihm Fürchterliches unterstelle. Da bedarf es für mich auch umgekehrt der Empathie, des Einfühlens und Verständnisses für mich. Auch wenn die Kommunikation in der letzten Zeit für mich transparenter wurde, fehlt mir da noch einiges daran, wenn es darum geht, auf mich einzugehen. Da gehts nicht mehr nur um Kommunikation, sondern auch um das Wie, wie kommuniziert wird, und das in diesem Fall liebevoll und empathisch.

Balin, Du beschreibst auch noch ein anderes Bedürfnis, und zwar das "sich-als-Mann-zu-fühlen", das durch diese Krankheit arg in Leidenschaft gezogen ist. Da geht es um das Körperbild, zum einen, ob man sich noch als attraktiv für eine Partnerin fühlt, zum anderen all die Unsicherheiten und Ängste, noch als Mann wahrgenommen zu werden und auch funktionieren zu können wie man das gerne von sich hätte unter all der Medikamentation. Ich kann nur von mir reden und bestimmt nicht stellvertretend für "die Frauen". Für mich ist die seelische Angezogenheit wesentlicher, die körperliche folgt. Ich nehme meinen Partner (wir sind noch garnicht verpartnert) sehr wohl als Mann wahr, auch mit seinen ganzen Einschränkungen, von denen ich nach und nach mitbekomme. Mannsein oder Frausein kommt nicht von einem gesunden Körper, sondern von tief innen, aus der Seele. Was nützt der tollste Body wenn die Ausstrahlung nicht stimmt. Was einen Partner für mich stimmig macht sind ganz andere Dinge. Da geht es darum, wie jemand sich ausdrückt, zu welcher Emotionalität jemand fähig ist, wie das zueinander passt und sich ergänzt. Und mich dadurch, wie er ist, viel tiefer zu mir selbst führt als ich es alleine kann. Und das wirkt sehr wohl auf die körperliche Anziehung zurück. Der Mensch ist für mich interessant und anziehend, und die Krankheit hat nebensächlichen Stellenwert und ist nur von Belang, soweit man sie irgendwie berücksichtigen oder mit ihr umgehen muss. Aber sie ist nicht das Zentrum.

Auch eine Freundin von mir ist von einer sehr einschränkenden und auch optisch beeinträchtigenden Krankheit betroffen, und dennoch finde ich sie als Frau sehr anziehend mit einer ganz wunderbaren Ausstrahlung, und sie hat auch einen Partner gefunden, den sie nun geheiratet hat. Es gibt genug solche Beispiele.

Konnte ich Dich noch etwas ermutigen? Go for it!
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Re: Beziehungen

Beitragvon Balin » So 5. Mai 2019, 22:31

Hallo danya,
ich finde einiges, was Du schreibst, sehr berührend. Danke Dir sehr dafür!
Ich empfinde das auch so: Es ist das Wichtigste, klar zu kommunizieren, denn sonst weiß der andere Mensch nicht, woran er ist. Und ja, das ist schon an und für sich oft schwer genug. Um ehrlich zu sein, mir fällt das schon manchmal sehr schwer und das liegt bestimmt mit an dem, was man von den nächsten Bezugspersonen in der Kindheit mit erlebt hat. Dennoch ist das ein Weg, den man gehen muss,sollte, darf.

Ich finde es sehr interessant, dass Du darüber sprichst, was für Dich "körperliche" und "seelische" Anziehung ausmacht. Für dich folgt das Körperliche dem Seelischen nach und das empfinde ich als schöne, spirituelle Aussage. Da ich es nicht weiß, will ich nicht lange darüber spekulieren, ob das ein - eher - weiblicher Zugang zu Beziehung ist und der umgekehrte Weg eher ein männlicher, ein kleiner Teil Wahrheit würde ich vermuten liegt in dieser Annahme schon, aber ich glaube, es ist eher von Mensch zu Mensch unterschiedlich, also individuell. Ich empfinde es für mich so: Das "Körperliche" und "Seelische" sind eng verbandelt.
Aber ich kenne auch Menschen, wie Du selbst ja auch von Deiner Freundin sprichst, die trotz Krankheit und Schmerz eine große Ausstrahlung haben. (Eigentlich hat jeder Mensch eine bestimmte Ausstrahlung, die ihn liebenswert macht. Das sehe ich allerdings auch immer umso besser, wenn ich mich selbst gut fühle. Ich versuche daher für mich Wege zu finden, auch dann dafür offener zu sein, wenn ich mich selbst nicht so toll fühle).
Das heißt für mich, es liegt nicht allein am Körperlichen (Krankheit ---> Probleme im Körpergefühl ---> seelische Probleme), sondern auch an dem, wie die Person sich selbst, auch ihre Schmerzen, annimmt und liebt.
Nun ist mein eigenes Empfinden, dass es aber dennoch ein immer wieder auszuhandelnder Prozess ist, sich dann anzunehmen.
Stellen wir uns vor, Du hast zum Beispiel eine Magen-und Darmgrippe (obwohl das Gefühl nicht zu vergleichen ist), dann ziehst Du Dich auch eher zurück und möchtest in Ruhe gelassen werden. Wenn dieser Zustand jetzt lange da ist, kann es schwer sein sich immer wieder zu "öffnen" bwz. "offen zu bleiben".
Und noch dazu:
Jeder Mensch wünscht sich empathisch - liebevollen Umgang und Kommunikation wie Du es schreibst. Ich stelle für mich fest, dass ich das aber um so besser geben kann, wenn ich mich selbst (relativ) gut fühle. Es kann aber bei unserer Krankheit auch mal von einem Tag auf den anderen sein, dass es einem schlecht geht. Dann ist es klar, dass beim Partner die Frage da ist: Liegt das jetzt an mir? Und dann sollte man natürlich als Partner erklären können, dass es nicht am Partner liegt, sondern dass es einem selbst einfach nicht gut geht. Also es geht einem schlecht und das sind dann noch gerade die Situationen, in denen man erklären müsste, wie es einem geht - das ist nicht einfach. Ich erkläre Sachen besser, wenn ich keine Schmerzen habe.

Da braucht der Partner glaube ich sehr viel Geduld. Und da ist es glaube ich auch in Ordnung - wenn viele solche Situationen da sind - wenn man selbst als Nicht-Betroffener Partner mal enttäuscht/ratlos etc. ist. Aber zu beachten ist eben für tiefere Gespräche einen Zeitpunkt zu wählen, wo es für beide stimmig ist und passt. Und davon sollte es ja auch viele geben! :)

Ich wollte auch zu Deiner Angst etwas sagen, dass Du manchmal nicht weißt, ob jemand "keine Bock hat" oder die Krankheit vorschiebt, wenn es eigentlich "eine Zurückweisung" ist. Ich glaube, dass man ja sieht, ob sich jemand um einen bemüht. Das ist natürlich schon ziemlich wichtig, dem anderen mal Zuneigung zu zeigen.
Ich konnte jetzt nicht zwischen den Zeilen herauslesen, um welche Art von "keinen Bock" es geht: Also zum Beispiel "keinen Bock eine gemeinsame Aktivität zu machen" oder "keine Bock auf Intimität/Nähe". Ich würde sagen, bei Beidem ist Geduld gefragt. Ich kann für mich sagen, das Beides manchmal nicht gut geht / keinen Spaß macht, wenn es einem nicht so toll geht. Aber dann kann man ja später was machen, wenn es besser ist.
Ich kann mir weniger vorstellen, dass jemand einfach "keinen Bock" hat - geben soll´s allerdings alles. Aber ne..
Was ich mir aber schon vorstellen kann, je nachdem, wie es jemandem gerade geht, dass einem alles zuviel wird, man sich zurückzieht. Und da hilft denke ich nur zunächst Verständnis, aber auch gepart mit sehr offenem reden.

Ich schreibe all das natürlich hier nicht stellvertretend für Andere, sondern das sind nur meine Empfindungen. Um ehrlich zu sein, wird es bei jedem Betroffenen anders sein. Ich habe auch schon persönlich mit Leuten gesprochen, die Dinge ganz anders verarbeiten, sich gar nicht zurückziehen...also das ist immer verschieden. Das liegt wahrscheinlich zu einem sehr großen Teil auch an anderen gelernten und psychischen Aspekten - wie Du oben auch schon ansprichst -, die gar nichts mit der Krankheit zu tun haben.

Jedenfalls hat mir das Gespräch hier ein paar gute neue Einsichten und Denkanstöße gegeben und dafür bin ich Dir dankbar!
Viele Grüße,
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Re: Beziehungen

Beitragvon danya » Mo 6. Mai 2019, 00:09

Hallo Balin,
danke Dir für Deine Zeilen, von denen ich mich auch sehr verstanden fühle.

Ja, auch ich kann seelische und körperliche Anziehung nicht trennen, das eine ist für mich mit dem anderen sehr verbandelt. Es ist einfach der Wunsch nahe zu sein wenn ich mich so hingezogen fühle und das ist für mich nicht einfach austauschbar, indem ich mir einen "gesunden" Partner suche, wir sind ja schließlich nicht auf dem Viehmarkt. Ich brauch nicht unbedingt irgendwen, mein Leben ist schon interessant genug, ich such niemanden. Anziehung passiert, das wählt man doch nicht aus wie auf den Online-Dating-Plattformen nach Größe, Alter, Augenfarbe, sportlichem Level usw... das ist für mich bar jeder Anziehung und Romantik und hat mit Verbundenheit nix zu tun.

Du beschreibst den Wunsch nach Rückzug, wenn es einem nicht gutgeht, sehr nachvollziehbar für mich, das kann ich gut auf Situationen in meinem eigenen Leben übertragen. Und ich kann gut nachvollziehen, dass, wenn der Zustand sehr lange da ist, es schwer sein kann sich überhaupt wieder für jemanden zu öffnen und in sein Leben zu lassen. Vielleicht ergibt sich ja irgendwann einmal der Zeitpunkt für ein tieferes Gespräch mit ihm. Das liegt nicht in meiner Hand und ich kann und will nicht mehr drauf dringen. Ich lasse die Dinge nun einfach auf mich zukommen und mache garnichts mehr außer ein unverfänglich freundschaftliches Level zu halten und sehn, wie sich das entwickelt. Um mein Vertrauen zu gewinnen, müsste er mich schon mal wieder seine Zuneigung spüren lassen, und diese lässt er zum jetzigen Zeitpunkt ja vor sich selbst nicht mehr zu. Vielleicht gewinnt er ja mit der Zeit Vertrauen in mich. Ich würde es mir wünschen.

Vergiss nicht, Balin, go for it!
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Re: Beziehungen

Beitragvon danya » So 23. Jun 2019, 14:34

Hallo Balin, bist Du noch da und liest Du noch mit? Mich hat Dein Post wieder einmal bewegt und ich möchte Dir meine Gedanken dazu mitteilen.

Du schreibst eingangs dass Du ein körperlich-psychisches Problem mit Nähe hast und beides, Geist (Aufregung, Gedanken, Selbstbewusstsein) als auch Körper (Unwohlsein, Bauchschmerzen) dabei eine Rolle spielen und Du die Tendenz hast eher vor all dem in Arbeit, Hobbies etc. zu flüchten.

Meine Idee dazu ist, dass Nähe, Hingezogensein und die Möglichkeit einer Beziehung die Colitis akut verstärken. Wie komme ich darauf? Der Darm ist vom sympathischen Nervensystem gesteuert, welches bei Stresssituationen, also bei tatsächlicher oder gefühlter Belastung, die nach außen gerichtete Aktionsfähigkeit reguliert und den Körper für den Kampf- oder Fluchtmodus mobilisiert (Fight-or-flight). All das unterliegt nicht unserer bewussten Entscheidungsfähigkeit. Wenn nun das sympathische Nervensystem angetriggert wird durch Hingezogensein und Nähe zu einer möglichen Partnerin oder gar Treffen, werden Stresshormone ausgeschüttet und der Körper geht in den Kampf- oder Fluchtmodus. Ich habe selbst schon erlebt, auch ohne CU, wie Stresssituationen (Prüfungen, Beziehungsanbahnung, generell wenn es darum geht sich einer Situation auszusetzen, in der man bewertet wird) nicht nur ein flaues Gefühl im Magen auslösen und Herzrasen, zittrige Hände, sondern eben auch Dünnsch... Bei CU schätze ich dass Stress einfach noch vielmehr auf den Darm durchschlägt. Und nein, ich reduziere die Krankheit nicht auf pure psychosomatische Aspekte. Sondern stelle nur den Zusammenhang her, dass diese eben verstärkend wirken.

Ich hatte selbst in der Vergangenheit erlebt, dass ich während eines Projekts so verschossen in meinen Teamleiter war, dass meine körperlichen Stressreaktionen unglaublich belastend im Miteinander waren (er war verheiratet und weder er noch ich hätten trotz Anziehung unter dieser Voraussetzung etwas miteinander eingegangen). Was mir gutgetan hat, war, dass wir irgendwann dann doch ins Reden darüber kamen und dass er mich einfach nur beruhigend in seine Arme genommen hat und eine zeitlang hielt. Und das immer wieder mal. Das hat mich ruhig werden und mich angenommen fühlen lassen, ohne dass wir je etwas miteinander eingegangen haben. Auf einer menschlich elementaren und wie auch auf körperlicher Ebene war das in diesem beruflichen Zusammenhang zwar nicht regelkonform, aber das absolut Richtige und hat meine Angst beruhigt, so dass wir auf eine richtig gute Ebene miteinander kamen.

Ich will damit sagen, manchmal kann man Dinge eben nicht alleine lösen, weder indem man eine andere Einstellung einnimmt, noch indem man seine Gefühle abspaltet und Kopfentscheidungen trifft oder oder oder. Was ich als Mensch, der selbst die sehr ausgeprägte und selbstschädigende Tendenz hat, sich zurückzuziehen anstatt sich auseinanderzusetzen, ob beruflich oder privat, in Freundschaften oder in Beziehungen generell, im letzten Jahr gelernt habe, ist, wie essentiell es ist in Verbindung zu gehen. Ja, es scheint erstmal paradox. Genau das, wovor Du Angst hast, machen, in Verbindung zu gehen und eben nicht fliehen oder sich zurückziehen. Und dann kucken was passiert. Dann, und erst dann, wirst Du erleben, ob eine Frau es wert ist oder nicht. Wenn Du stets fliehst, bringst Du Dich selbst darum, wohltuende Erfahrungen zu machen und versagst Dir Glück. Das kann Dir keine Therapie und kein Therapeut der Welt abnehmen.

Wir sind eben nicht nur Kopf und Geist sondern in erster Linie Körper. Dieser ist unsere elementare Basis in Verbindung zur Welt und zu anderen Menschen. Und da können wir ansetzen, um Sicherheit in unseren Verbindungen und Beziehungen zu gewinnen und lernen uns sicher in dieser Welt zu fühlen. Was wäre das für Dich, was Dir im Kontakt mit einer möglichen Partnerin guttun würde, um Deine Angst zu beruhigen? Welches Verhalten würdest Du Dir von ihr wünschen? Manches löst sich eben nicht durch Nachdenken, sondern Hineinfühlen. Hineinfühlen in das, wie Du Dich mit einer Frau fühlst und was zwischen Euch ist, wenn Du in einem sicheren Raum bist - z.B. mit Dir allein und in dem Dich die Angst in Ruhe lässt.

Was ist denn Dein derzeitiger Stand?

Nicht vergessen, go for it!
Viele Grüße,

Danya
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