Mein Bruder hat MC, Ich weiss nicht mehr weiter

Hier geht es um gegenseitige Achtung und die Probleme, die es in einer Partnerschaft und bei Angehörigen gibt, aber auch um Schwangerschaft.

Mein Bruder hat MC, Ich weiss nicht mehr weiter

Beitragvon Slinkachu » Mi 6. Sep 2017, 11:53

Hallo,

mein Bruder (30 Jahre) hat seit seinem 15 Lebensjahr etwa MC. Seine Erkrankung belastet nicht nur seine Psyche, sondern uns alle in der Familie. Ich weiß gar nicht, wo ich genau anfangen soll. Es ist so, dass mein Bruder wieder in einem Schub steckt. Der Grund dafür, so gibt es mein Bruder an, war die Abendrealschule, die er jetzt durch den Rückfall aufgegeben hat und der Umzug weg von zu Hause. Er hatte mit seiner Freundin zusammen bei unserer Mutter zuvor gelebt. Seitdem er in eine eigene Wohnung mit seiner Freundin gezogen ist geht es ihm so schlecht, dass er nun einen künstlichen Darmausgang machen lassen wird. Zu den Medikamenten: Er nimmt schon seit er krank ist Cortison ein (also seitdem er 15 ist). Dadurch hat er enorme Probleme mit dem Rücken bekommen, weshalb er auch etwas zur Stabilisierung der Knochen nimmt. Außerdem wird sein Immunsystem heruntergedrosselt mit irgendeinem Medikament, wovon ich den Namen nicht auswendig weiß. Das Problem ist auch, dass er das Cortison eine Zeitlang in seiner Jugend selbst verabreicht hat. Er hat die Dosis selbst nach Lage und Befinden erhöht oder gesenkt. Hinzu kommt, dass er überhaupt nicht auf seine Ernährung achtet und alles mögliche isst, weil er nicht glaubt, dass die Ernährung etwas mit der Krankheit zu tun hat. Er denkt, dass nur Stress ausschließlich der Grund für die Schübe seien, weshalb er bis heute nur einen Hauptschulabschluss gemacht hat und nie arbeiten war. Von einer Therapie hält er nichts. Es ist sehr schwer ihm etwas vorzuschlagen, weil er dann sagt, dass keiner wissen könne, wie schlimm diese Krankheit ist. Meistens ist er aggressiv und bricht schnell den Kontakt ab, wenn man nicht seiner Meinung ist. Meine Mutter hat das Meiste mit ihm zusammen durchgemacht. Sie ist schon völlig mit den Nerven am Ende und hat sehr großes Mitleid mit ihm und sagt er ist am Ende seines Weges angekommen. Mein Bruder redet auch oft darüber wie schön es wäre zu sterben. Und er hat meiner Mutter sogar angeboten es zusammen zu tun. Aber das würde sie selbstverständlich niemals tun. Ich denke er auch nicht. Wenn er keinen Schub hat, dann isst er alles mögliche, wenn er einen Schub hat, dann isst er so gut wie gar nichts. Wenn wir zusammen essen, dann kann er es gar nicht richtig aushalten und isst meistens noch bevor alle anderen sich an den Tisch setzen, weil er sagt, dass er gleich essen muss, bevor er im Unterzucker ist, sonst würde es ihm schlecht gehen. Dann schaufelt er das Essen in einer unmöglichen Geschwindigkeit alles in sich hinein, so dass ich schon Bauchweh kriege, wenn ich ihm dabei zusehe. Meine Mutter und mein Bruder hatten eine sehr innige Beziehung eine Zeit lang, so dass die Ärzte meinten, dass eine Therapie beiden gut tun würde. Seitdem er eine Freundin hat, ist es besser geworden, aber eine Therapie wollen beide nicht machen. Mein Bruder braucht sehr große Aufmerksamkeit. Einmal hat er meiner Mutter den Kontakt mit mir verboten und wir durften ein halbes Jahr nicht miteinander reden. Wenn in einer großen Runde geredet wird und ihm mal eine Zeit lang keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, dann krümmt er sich und macht die Augen zu, so als ob er ohnmächtig wird. Manchmal verlässt er auch den Raum. Vor ein paar Jahren hat er sich in sein Zimmer eingesperrt und hat die Rollläden heruntergemacht und kam da nicht mehr raus.
Tut mir Leid, dass ich das so ausführlich schreibe, aber das Ganze macht mich echt fertig. Einerseits tut mein Bruder sehr Leid und es macht mich ungemein fertig ihn so zu sehen, andererseits finde ich, dass er manchmal seine Krankheit ausnutzt, um Dinge zu erreichen, die er möchte. Und ich habe das Gefühl, dass er mit einer gesunden Ernährung und einer Therapie viel erreichen könnte. Liege ich da falsch? Ist MC so eine schlimme Krankheit, so dass man kein Leben mehr hat? Kann man da wirklich nicht arbeiten gehen oder die Schule besuchen? Bitte helft mir meinen Bruder besser zu verstehen. Ich bin völlig am Ende und weiß einfach nicht mehr weiter!
Slinkachu
neu hier
 
Beiträge: 2
Registriert: Mi 6. Sep 2017, 11:11

Re: Mein Bruder hat MC, Ich weiss nicht mehr weiter

Beitragvon Korona » Mi 6. Sep 2017, 19:00

Hallo Slinkachu,

das hört sich alles sehr ungut an und ich kann gut verstehen, dass Dir das sehr zu schaffen macht!
Tatsächlich ist M.Crohn eine fiese Krankheit, die unschöne Ausmasse annehmen kann und für den Betroffenen sehr belastend und einschränkend ist.
Das heisst aber nicht, dass man keine Ausbildung machen kann, soll, muss, darf....und auch nicht, dass man nicht arbeiten kann.

Für mich entsteht der Eindruck, dass Dein Bruder nicht den richtigen Gastroenterologen hat, denn sonst würde er nicht jahrzehntelang Kortison nehmen. Es gibt da andere Medikamente, die zielführender wären. Fragt sich an der Stelle allerdings, ob Dein Bruder überhaupt gesund sein will??? Hört sich für mich nicht so an.
Es gibt Menschen, die die Erkrankung ausnutzen und alle um sich herum damit erpressen und manipulieren.
Die Familiensysteme sind oft so kompliziert, dass jeder da mit macht, auch wenn er es gar nicht will. Das ist wie mit einem Alkoholiker. Das Kranksein kann auch süchtig machen, und das Gesundsein würde bedeuten, endlich mal aktiv zu werden und das Leben anzugehen. Das ist anstrengender, als wenn alle springen und Mitleid haben. Deine Mutter muss da als Erste ganz konsequent sein.

Ich würde Dir empfehlen: Pass auf Dich selbst auf. Suche Du Dir einen Therapeuten, damit Du mit Deinen Schulgefühlen umgehen kannst. Dein Bruder entscheidet über sein Leben, Du kannst ihm kurz und knapp Hilfe anbieten, wenn er sie nicht annimmt, ist es seine Entscheidung. Wenn er keinen Therapeuten will und sich nicht um sich kümmert, seine Entscheidung. Du wirst ihn NIEMALS wirklich erreichen können. Darum kannst Du Dich nur selbst schützen, so hart es klingen mag!

Du solltest Dich um Dein Leben kümmern, statt ständig von seinen Aufträgen, seinem Leid und seiner Kompromisslosigkeit getrieben zu werden.
Mach ihm kurze Angebote, sage ihm, es ist sein Leben - und dann gehst Du zur Tagesordnung über und versuchst, so schwer das auch sein wird, Dein Leben zu geniessen!

LG, Korona
Korona
könnte auch hier einziehen
 
Beiträge: 517
Registriert: So 15. Sep 2013, 21:17
Diagnose: CU

Re: Mein Bruder hat MC, Ich weiss nicht mehr weiter

Beitragvon Thilo » Mi 6. Sep 2017, 19:13

Hallo Slinkatchu,

ein erschütternder Bericht über einen Menschen, der seine Erkrankung nutzt um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und um seine nächsten
Familienangehörigen massiv zu manipulieren. Mit seinem Verhalten schadet dein Bruder nicht nur sich selbst, sondern zieht sein gesamtes
familiäres Umfeld mit in den Abgrund.

Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) die in Schüben verlaufen. In Zeiten ohne Krankheitsaktivität
steht man gesunden Menschen in seiner Leistungsfähigkeit kaum nach und so sind die meisten der etwa 320.000 Erkrankten in unserem Lande
berufstätig. Menschen mit CED machen ihre Schulabschlüsse, eine Ausbildung, studieren, etablieren sich im Beruf. Eine CED ist nicht zwangsläufig
ein Grund dafür, dass man mit 30 Jahren noch nicht gearbeitet hat.

Grundsätzlich sollte eine CED immer ärztlich behandelt werden. Idealerweise von einem versierten Gastroenterologen (Magen-Darmspezialist).
Heutzutage können zahlreiche Therapien in Anspruch genommen werden, welche die Entzündungsaktivität in Schach zu halten und ein weitgehend
beschwerdefreies Alltagsleben ermöglichen. Eigenexperimente über fünfzehn Jahr hinweg mit Cortison können nur mit Kopfschütteln wahrgenommen werden.

Das Problem bei deinem Bruder ist meiner Ansicht nach ein psychiatrisches. Die Morbus-Crohn-Erkrankung nutzt er, um alle seine Versäumnisse und sein
flegelhaftes Benehmen damit zu entschuldigen. Das zieht sich deinem Bericht zufolge wie ein roter Faden durch sein Leben. Er zieht aus seiner
Erkrankung einen eindeutigen Krankheitsgewinn.

Mit allen guten Worten werdet ihr ihn auch künftig nicht zur Einsicht und zur Wandlung bringen. Zu sehr hat sich sein Verhalten im Laufe der Jahre verfestigt.
Es bleibt der lange und steinige Weg über die Schiene der Psychotherapie. Aufgrund der akuten Eigengefährdung (Androhung eines Suizid, Ablehnung dringend
notwendiger Therapien) wäre eine stationäre Einweisung möglich.

Mitleid für deinen Bruder ist hier fehl am Platz.

Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute.

Gruß

Thilo
Benutzeravatar
Thilo
könnte auch hier einziehen
 
Beiträge: 1042
Registriert: Sa 22. Dez 2012, 21:17

Re: Mein Bruder hat MC, Ich weiss nicht mehr weiter

Beitragvon Slinkachu » Do 7. Sep 2017, 20:32

Hallo Korona und Thilo,
danke, dass ihr beide euch Zeit für eine Antwort genommen habt. Dadurch haben sich meine Gedanken bestätigt. Manchmal möchte ich diese Gedanken gar nicht äußern, weil ich dadurch von meinen Familienangehörigen anhören muss, dass ich mich nicht in die Lage meines Bruders versetzen kann. Wie gesagt will er schon gar nicht mehr mit mir reden, weil ich ihm diese Dinge (wie etwa der Vorschlag auf eine Therapie) schon versucht habe zu vermitteln. Leider ohne Erfolg. Ich muss mir nur noch mehr von meiner Schwester und Mutter anhören, wie gefühllos ich sei. Dabei denke ich nur an das Wohlergehen aller. Aber so falsch kann man selbst in der Familie verstanden werden. Meine Schwester und Mutter wollen, dass ich ihm meine Meinung nicht mehr sage, weil das ihn in Stress versetzen würde und er noch mehr in die Krankheit verfallen würde. Heute hat er seinen künstlichen Darmausgang bekommen. Ich hoffe, dass dieser Eingriff jetzt doch etwas bringt und er sich von selbst besinnt und anfängt sein Leben zu leben. Ich für mich selbst habe entschieden, lieber Abstand zu nehmen. Ich werde mit meinem Mann zusammen wegziehen, weil mich das alles echt sehr herunterzieht. Eine Therapie wäre da auch für mich vielleicht nicht schlecht. Also danke für eure Meinungen. Das hat geholfen die Dinge mit Abstand betrachten zu können.
Slinkachu
neu hier
 
Beiträge: 2
Registriert: Mi 6. Sep 2017, 11:11


Zurück zu Partnerschaft, Schwangerschaft und Angehörige

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 5 Gäste